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Between the Knees

(Originaltitel: Muleupgwa muleupsai)
Herstellungsland:Südkorea (1984)
Genre:Drama, Erotik/Sex
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,00 (1 Stimme) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Und wieder einmal habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, euch, verehrte Leser, einen Film vorzustellen, den die Welt vergessen hat, oder den sie gar nie erst kannte: Ein äußerst bizarres, jedoch hochinteressantes Werk aus dem wunderschönen Korea, den Film Muleupgwa muleupsai, wörtlich übersetzt Zwischen den Knien.

Es handelt sich hierbei um eine Art Coming-of-Age-Drama mit erotischen Elementen aus dem Jahr 1984. Das Datum dürfte im Westen niemanden groß aufhorchen lassen, obwohl wir immerhin noch mitten im Kalten Krieg steckten, George Orwells Roman in diesem Jahr spielte und Godzilla in Japan ein tolles Revival erleben durfte, wozu ich ebenfalls eine Kritik auf dieser Seite schrieb, doch wer sich etwas mit der Geschichte Koreas auskennt dürfte wissen, daß sich das Land zu jener Zeit noch unter der Militärdiktatur Chun Doo-hwans in der Fünften Republik befand. Die Zensur wurde im Verlauf der 1980er-Jahren zwar allmählich gelockert, doch ganz verschwunden war sie bei Weitem nicht (und ist sie, davon abgesehen, auch heute noch nicht). Das merkt man diesem Film überdeutlich an, daher halte ich ein bißchen historisches Hintergrundwissen für unentbehrlich.

Im Zentrum des Films steht die verzwickte Familienkonstellation um die aufmüpfig auftretende Musikschülerin Ja-young: Ihre ultrakonservative Mutter terrorisiert sie tagtäglich; der etwas gemäßigtere Vater hat eine zweite Tochter (Bo-young) mit einer anderen Frau und versucht, sein Leben wieder zu ordnen, was ihm jedoch bloß Ja-youngs Verachtung einbringt; Bo-youngs Mutter (also die ehemalige Geliebte von Ja-youngs Vater... Bereits verwirrt? Ich auch) hat indes einen Heiratskandidaten gefunden; der jüngere Bruder ist von Michael Jackson und westlicher Musik besessen und tanzt wie ein Roboter im Wohnzimmer, und so weiter. Ich muß gestehen, daß ich über kurz oder lang selbst etwas den Durchblick verloren habe, da einem ziemlich viel um die Ohren gehauen wird und der Aufbau des Films nicht gerade dem Verständnis förderlich ist. Zudem, und das ist viel wichtiger, wird Ja-young von zwei Männern begehrt; der eine ein unverbesserlicher Aufreißer, der andere ein sehr fürsorglicher, nach traditionellem Muster lebender Vorbild-Koreaner.

Nun gerät die junge Ja-young in ein Wechselbad der Gefühle: Sie spürt, wie in ihr das sexuelle Begehren zu erwachen beginnt, was sie, die sie ja von ihrer strengen und prüden Mutter geprägt ist, äußerst beunruhigt, und zu allem Übel wird sie auch noch von einem herumstreunenden, stummen Mann (der irgendwie mit der Mutter der Halbschwester im Waisenhaus lebte, oder so ähnlich) beinahe vergewaltigt. Infolge dessen und eines weit zurückliegenden Kindheitstraumas, wozu ich an dieser Stelle nichts verraten möchte, beginnt sie, sich gegen ihre Mutter aufzulehnen und läßt sich auf Männer ein, die allesamt nur das Eine wollen, und zwar um jeden Preis. Das kann doch kein gutes Ende nehmen!

Es wird schnell ersichtlich, daß es sich bei diesem Film nicht bloß um ein Drama über aufblühende Sexualität und zerrüttete Familien handelt: In Wahrheit haben wir es mit einem knallharten anti-westlichen Propagandafilm zu tun, der so heute garantiert nicht mehr denkbar wäre. So werden ständig stark kontrastierende Szenen nacheinander gezeigt, wie zum Beispiel eine Disco (mit dekadenter westlicher Popmusik und ekstatischen Jugendlichen) und anschließend ein traditionelles Theaterstück. Besonders Michael Jackson war den Machern scheinbar ein Dorn im Auge, und an mehreren Stellen im Film wird explizit auf ihn eingegangen: Die Charaktere unterhalten sich darüber, ob er unheimlich sei oder nicht; der jüngere Bruder bemerkt beim Moonwalk-Üben gar nicht, daß seine Mutter telefoniert, und so weiter. Zum Glück bin ich ebenfalls kein großer Fan.

Das Ganze gipfelt in einer derart plakativen Moralpredigt gegen den "westlichen Lebensstil und die westliche Denkweise", daß mir förmlich die Spucke wegblieb -- wird jener Lebensstil doch dafür verantwortlich gemacht, was der Protagonistin gegen Ende des Films widerfährt, und das ist doch ziemlich gewagt und für einen westlichen Zuschauer durchaus verletzend. Aber gut, ich für meinen Teil bin darüber hinweggekommen. Worüber ich aber weniger hinweggekommen bin, ist die teilweise gravierende Misogynie (Frauenverachtung), mit der dieser Film spielt. Inwiefern man das mit der ostasiatischen, neokonfuzianistisch-geprägten Kultur entschuldigen kann, muß jeder für sich entscheiden, aber entsprechende Denkweisen gab und gibt es leider auch bei uns. Um es beim Namen zu nennen: Es ist absolut daneben, eine Frau für ihre Vergewaltigung verantwortlich zu machen.

Nun stelle ich mir aber die Frage, wieviel von alldem durch die Zensur bedingt ist. Ich kann mir nämlich sehr gut vorstellen, daß die Botschaft, die zu übermitteln versucht wird, nicht alleinig den Wünschen der Macher entsprang; hat dieser Film doch definitiv seine Stärken, die ihrerseits alles andere als anti-westlich und stark vom europäischen Film jener Zeit beeinflußt scheinen. Die Inszenierung ist trotz der etwas holprigen Erzählweise zum Großteil hervorragend, und man merkt, daß man mit Spaß an der Sache war. Interessante Einstellungen, viele Close-Ups, tolle Kostüme, Kulissen und Drehorte, ansprechende Farben und über allem ein hervorragender, düsterer Synthie-Soundtrack, der so nur in den 1980ern produziert werden konnte. Auch an den Schauspielern und ihrer Leistung gibt es überhaupt nichts auszusetzen; die Hauptdarstellerin Bo-Hee Lee ist auch heute noch regelmäßig in Filmen und Fernsehdramas zu sehen, und das ist auch richtig so.

Mir hat dieser Film trotz seiner fragwürdigen Botschaft sehr viel Spaß gemacht, und es ist natürlich schade, daß er es nie in den Westen geschafft hat -- wenngleich verständlich. Ein weiterer Grund dürfte auch die Musik sein, denn ich kann mir kaum vorstellen, daß man sich tatsächlich die Lizenzen für Michael Jacksons Lieder und weitere Popsongs einholen konnte. Damals hatte man eben noch andere Probleme als solche Banalitäten.

Wo gibt es den Film? Die koreanische DVD kommt, wie üblich, mit englischen Untertiteln und gutem Bild daher, eine andere Veröffentlichung ist mir nicht bekannt (und dürfte es vermutlich nie geben). Zu allem Übel wird man auch noch mit Youtube-Links konfrontiert, wenn man nur nach dem Film googelt. Ganz miese Sache, das.

7/10
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Kommentare

17.01.2015 18:29 Uhr - cecil b
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Ein sehr gutes Review! Ich finde dass du differenziert geblieben bist, was die Misogynie (danke für die Übersetzung) aber auch die harsche Kritik an dem westlichen Einfluss angeht (we all living in America...).
Die Orientierungssuche einer jungen Frau, die dafür steht, wie die von dir treffend beschriebene junge Gesellschaft Koreas sich versuchte neu zu orientieren.
Danke für den Tipp!

17.01.2015 19:06 Uhr - KarateHenker
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17.01.2015 18:29 Uhr schrieb cecil b
Ein sehr gutes Review! [...]
Danke für den Tipp!


Dem kann ich mich nur anschließen! Diese Tendenz zur Holzhammerkritik am vermeintlichen (moralischen) Niedergang der Jugend durch westliche Einflüsse hat mich schon in einigen südkoreanischen Filmen der Nachkriegsära zum Schmunzeln gebracht - umso interessanter, dass sie offenbar bis in die 1980er (oder länger?) am Leben gehalten wurde.

17.01.2015 20:49 Uhr - cecil b
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Asiatische Filme haben die `'Welteroberung' Amerikas schon früh kritisiert. Übrigens:

Wenn du die Dame auf deinem Avatar bist, stelle ich dir an dieser Stelle einen Heiratsantrag ;)

17.01.2015 22:20 Uhr - Laughing Vampire
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Vielen Dank für die tolle Rückmeldung. :)

Ja, diese Phase Holzhammerkritik hielt in Südkorea tatsächlich bis Anfang/Mitte der 90er-Jahre. Die olympischen Spiele in Seoul 1988 werden oft als Beginn für eine Phase der Liberalisierung und vor allem des wirtschaftlichen Aufschwungs gesehen, aber auch danach tat man sich oft noch furchtbar schwer mit der Identitätsfindung (selbst heute noch). 1910-1945 die Japaner, unmittelbar danach die Amerikaner und Russen, anschließend ein fürchterlicher Krieg und viele Regierungswechsel... Erst seit Ende der 90er scheint man durch die starke Wirtschaft und die "Koreanische Welle" wieder eine neue Identität gefunden zu haben. Aber Korea ist ja bekanntlich nach wie vor ein geteiltes Land und verbleibt zwischen den Fronten.

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