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Mermaid Legend

(Originaltitel: Ningyo Densetsu)
Herstellungsland:Japan (1984)
Genre:Action, Drama, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 10,00 (2 Stimmen) Details
eine kritik von laughing vampire:

Ganz so lang ist die Assoziationskette ja nicht, die uns zu diesem Werk führt. Auch auf dieser Seite dürfte der japanische 80er-Slasher Shiryō no wana bzw. Evil Dead Trap manch einem ein Begriff sein. Dieser sehr außergewöhnliche Film besticht vor allem dadurch, daß er sich der Bildsprache italienischer Horrorfilme bzw. Gialli bedient und am Ende sogar einen Abstecher ins Body-Horror-Genre wagt -- eine gewagte Mischung, die nicht nur für mich hervorragend funktioniert hat. Natürlich wollte ich daraufhin mehr über das filmische Wirken des 2010 verstorbenen Regisseurs Toshiharu Ikeda erfahren. Der vorliegende Film, obwohl im Westen leider Gottes immer noch nicht offiziell erhältlich und dadurch auch gänzlich unbekannt, wird von vielen Kennern als sein Meisterwerk angesehen. Nicht zuletzt entschied sich der schwer depressive Ikeda auch, am Drehort dieses Films in der Präfektur Mie (genauer: in der Hafenstadt Daioh in Ise-Shima) zu sterben. Ob es tatsächlich Suizid war, ist zwar umstritten, aber vieles deutet darauf hin.

Ningyo densetsu bzw. Mermaid Legend ist im Kern eine klassische asiatische Rachegeschichte, wie man sie etwa von Shurayuki hime / Lady Snowblood oder aktuellen Genrevertretern aus Korea kennt: Eine Perlentaucherin muß erleben, wie ihr Mann auf seinem Boot ermordet wird. Da sie sich zur Tatzeit im Wasser befindet, weiß sie nicht, wer für den Anschlag verantwortlich ist, aber auch auf sie wird mit Harpunen geschossen. Anschließend wird sie bewußtlos an eine Küste gespült und macht sich infolge dessen auf die Suche nach den Mördern ihres Mannes. Unter dem Vorwand, einen Vergnügungspark zu eröffnen, plant indes ein zwielichtiges Unternehmen die Errichtung eines Kernkraftwerks in der Gegend. Der beste Freund des Ermordeten gibt sich anfangs hilfbereit und hilft der Protagonistin bei der Flucht auf die Vergnügungsinsel Watakano, wo sie, die sie nun als Tatverdächtige gesucht wird, vorerst untertauchen sollte. Aber schnell wird klar, daß er mehr mit der Sache zu tun hat als anfangs angenommen.

Was bei Ningyo densetsu sofort auffällt, ist die ruhige, teilweise beinahe hypnotische Inszenierung, begleitet von einem hervorragenden Synthie-Soundtrack, der eine enorme Sogwirkung entfacht. Dadurch kann sich der Film auch sehr leicht von ähnlichen Machwerken aus den 80er-Jahren abheben: Die Handlung entwickelt sich gemächlich und eskaliert erst gegen Ende in einem Gemetzel, das es in sich hat und dennoch zu keinem Zeitpunkt billig oder unpassend erscheint (zudem läßt das Ende auch genug Interpretationsspielraum, aber allzu viel möchte ich an dieser Stelle nicht verraten). Sorgsam und äußerst subtil wurden verschiedenste Elemente aus dem Buddhismus, politische Themen wie Umweltschutz oder die Rolle der Frau sowie klassische Stilmittel aus der japanischen Filmgeschichte in die Handlung eingebettet, sodaß der Film noch für eine lange Zeit im Gedächtnis haften bleibt.

Was den Film in meinen Augen jedoch wirklich zu einem Meisterwerk macht, ist das Schauspiel der Hauptdarstellerin, Mari Shirato. Selten habe ich eine derart überzeugende Verkörperung einer Frau gesehen, die alles verliert und am Ende nur noch Haß und Verbitterung verspürt. Das ist ganz großes Kino, und zurecht gewann Shirato auch eine Auszeichnung für ihre Rolle bei den Filmfestspielen von Yokohama anno 1984. Wirklich bedauerlich, daß sie es außerhalb Japans nie zu Bekanntheit bringen konnte. Es wäre ihr vergönnt gewesen.

Dennoch hat Ningyo densetsu auch seine Makel. Die meisten dürften dem vermutlich sehr knappen Budget zu verdanken sein: Tricktechnisch gibt es gerade bei dem blutigen Szenen, mit denen der Film in der zweiten Hälfte nicht gerade geizt, einiges zu bemängeln. Liebhaber japanischer Filme dürften das kennen: Die Waffen sind zu offensichtlich Requisiten, das Blut spritzt teilweise aus den völlig falschen Körperregionen, und sehr häufig sieht man, wie lediglich in die Luft hinter einem Statisten gepiekst wird. Daß aber gerade diese Art der Inszenierung einen gewissen Charme haben kann, ist auch nicht zu leugnen. Der Illusion schadet es vielleicht kurzzeitig, dem Gesamterlebnis jedoch auf keinen Fall.

Der zweite Minuspunkt ist ebenfalls nicht Ikeda anzurechnen und liegt in den japanischen Zensurgesetzen verankert: Ningyo densetsu beinhaltet einige recht ausufernde Sexszenen; diese sind jedoch allesamt (zumindest in der derzeit einzigen erhältlichen Japan-Version) geblurrt, hin und wieder gibt es sogar sehr unsaubere Schnitte. Hier besteht vielleicht die Hoffnung, daß ein zukünftiges westliches Release diese Zensur rückgängig machen könnte -- aber meine Hoffnung hält sich leider in Grenzen. Lustigerweise wurde auch nicht immer sauber geblurrt, und bei einigen Frames sieht man tatsächlich den "Intimschutz" der Hauptdarstellerin.

Von mir gibt's dennoch die volle Punktzahl für einen sehr außergewöhnlichen, schönen und magischen kleinen Film. Ikeda schien zeitlebens nie die Möglichkeiten gehabt zu haben, das zu machen, was er wirklich machen wollte, aber zweifelsohne ist Ningyo densetsu sein Meisterwerk: Ein Film, den man sich unbedingt ansehen sollte, wenn man sich für japanische Untergrund- und Genrefilme begeistern kann. Randnotiz: Der Film wurde von der Art Theatre Guild vertrieben, derselben Produktionsfirma, die sich auch für Shuji Terayamas und Nagisa Oshimas Meisterwerke verantwortlich zeigte.

Anmerken möchte ich ebenfalls, daß ich während meines diesjährigen Japan-Aufenthalts tatsächlich die Drehorte besucht habe, unter anderem auch die Insel Watakano, die es tatsächlich gibt. Gegen Ende der 1980er wurde zwar versucht, dem zwielichtigen Treiben dort ein Ende zu machen, aber auch heute noch fahren täglich Hostessen mit einer kleinen Fähre auf die Insel, um die männlichen Besucher zu vergnügen. Rein optisch hat sich wenig verändert, bis auf die Tatsache, daß die ganzen Gebäude mittlerweile größtenteils verfallen sind. So ist das leider, wenn alles Geld ausschließlich in die großen Metropolen gepumpt wird und die ländlichen Gegenden nach und nach veröden. Dennoch: Definitiv ein Geheimtipp, denn die Küstenregionen sind genauso schön und bezaubernd wie im Film.

In Japan selbst erschien der Film letztes Jahr in einer restaurierten Fassung auf Bluray, nachdem die alte DVD lange Zeit out of print war. Es bleibt zu hoffen, daß auch irgendein hiesiges Label auf dieses spezielle Werk aufmerksam wird.

10/10
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Kommentare

29.03.2015 20:18 Uhr - Insanity667
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Wow! Zwar überhaupt nicht mein Genre aber Hut ab vor diesem tollen Review! :)

29.03.2015 20:55 Uhr - cecil b
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Top Review, zu einem sehr interessanten Film! Schön dass die Asiaten unter uns wieder vertreten sind(Critter und du). ;) Vielleicht interessiert sich nicht jeder für deinen Besuch in Japan, aber mir persönlich gibt diese Info das Gefühl, dass du nah an der Materie bist. Ich interpretiere ja liebend gernre rum, auch was buddistische, gesellschaftliche und shintoistische 'Motive' angeht, aber dass ist ja ebenso geschmackssache.


29.03.2015 21:11 Uhr - NoCutsPlease
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Ein sehr gelungenes Review mit richtig viel Fan-Herzblut.

Darf man denn erfahren, was dich so zum begeisterten Asia-Cineasten gemacht hat?

29.03.2015 21:57 Uhr - Gorno
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Wieder eine grandiose Kritik deinerseits :)

29.03.2015 22:54 Uhr - KarateHenker
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Oh ja, den hab ich vor Jahren ohne Untertitel gesehen, kein Wort verstanden und ihn trotzdem genossen, weil er - wie du es in deiner exzellenten Rezension ja erläuterst - gerade auch auf audiovisueller Ebene eine beachtliche Sogwirkung erzeugt, der man sich kaum entziehen kann. Besten Dank für den Text und die Info bezüglich der Blu-ray, die ich auf jeden Fall erstehen werde; englische Untertitel kursieren ja mittlerweile auch im Netz. ;-)

30.03.2015 16:16 Uhr - Crítter
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Wie immer beeindruckendes Review. Von dem Film habe ich allerdings noch nie was gehört. Auch wenn er für mich wahrscheinlich ein wenig Neuland aus der japanischen Filmwelt werden wird, kommt er auf die Liste und wird demnächst mal gesichtet.

31.03.2015 00:21 Uhr - Laughing Vampire
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Vielen Dank für die tolle Rückmeldung!

Mit meinen Reiseberichten möchte ich wirklich nicht angeben. Ich bin glücklicherweise öfter in Japan, aber das ist auch nicht alles nur Spaß und Urlaub, und da es mein Ziel ist, zukünftig dort zu leben und zu arbeiten, steht mir noch ein langer, steiniger Weg bevor (um auch gleich NoCutsPleases Frage zu beantworten: Es hat alles mit Godzilla angefangen!). Ich dachte nur, daß es in diesem Fall definitiv erwähnenswert war, da ich für die Suche nach den Drehorten tatsächlich stundenlang in irgendwelchen Lokalzügen und Bussen durch die japanische Pampa gefahren bin. :)

KarateHenker, schön zu hören, daß er dir sogar ohne Untertitel gefiel! Und ja, die gibt es mittlerweile zum Glück einfach aus dem Netz zu beziehen.

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