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Die Tochter des Samurai

Herstellungsland:Deutschland, Japan (1937)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Liebe/Romantik
Alternativtitel:Atarashiki tsuchi
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,00 (1 Stimme) Details
eine kritik von laughing vampire:

Zur Zeit der Annäherung zwischen Nazideutschland und dem imperialistischen Japan anno 1937 entstand die erste deutsch-japanische Filmproduktion überhaupt, die bei uns als Die Tochter des Samurai erschien und in Japan unter dem Titel Atarashiki tsuchi (Neues Land/Neue Erde) bekannt ist. Als ich, meines Zeichens ein großer Liebhaber des japanischen Kinos und Befürworter internationaler Koproduktionen, von der Existenz dieses Werks erfuhr, war mir natürlich klar, daß ich mir diesen Film ansehen mußte. Daß im Jahr 1937 von deutscher Seite aus kaum große cineastische Meisterwerke gedreht worden sein dürften, verstand sich ebenso, weswegen sich meine Neugier vorerst in Grenzen hielt. Und dennoch stellte sich dieser Film als ein vor allem historisch betrachtet sehr interessantes Werk heraus, das überdies auch noch mit anderen Qualitäten als der in Mengen vorhandenen Propaganda (nein, es handelt sich um keinen reinen Propagandafilm) der damaligen Zeit glänzen kann.

Die dümmliche Handlung allein läßt kaum darauf schließen: Teruo, ein junger Japaner, der acht Jahre in Deutschland studiert hat und europäischen Lebensstil sowie Denkweise zu schätzen lernte, trifft auf seiner Rückreise per Schiff auf eine gutaussehende, überaus kecke deutsche Journalistin namens Gerda, die es ihm schwer antut. Dummerweise wurde er als Kind von einer reichen und traditionsbewußten Familie adoptiert und ist dazu verpflichtet, seine jüngere Adoptivschwester Mitsuko zu heiraten. Nun gerät er in einen inneren Konflikt: Natürlich liebt er sein Land und seine Nation, so kann er beispielsweise beim Anblick marschierender Soldaten seinen "Stolz" kaum verbergen. Dennoch, er sieht sich auch als Individualist und möchte selbst über sein Leben entscheiden -- obwohl ihm sogar die vaterlandstreue Blondine davon abrät. Individualismus ist schließlich doof, das habe man auch in Deutschland erkannt. Er verwickelt sich in einen Konflikt mit seiner ehrenwerten Adoptivfamilie, unter dem vor allem die arme Mitsuko leidet, die sich so sehr auf seine Rückkehr gefreut hat. Der benachbarte Vulkan bietet sich daher ganz gut an, sich aus Schande das Leben zu nehmen.

Hauptverantwortlicher für diesen Film ist der nicht gänzlich unbekannte deutsche Regisseur Arnold Fanck, der in den 1920er- und frühern 30er-Jahren hauptsächlich sogenannte Bergfilme drehte (und dieses Genre prägte), so etwa Die weiße Hölle vom Piz Palü -- die spätere und heute noch kontrovers diskutierte Dokumentarfilmerin Leni Riefenstahl war dabei übrigens oft Hauptdarstellerin. Jedoch verlangte die Produktion auch noch nach einen zweiten, japanischen Regisseur, nämlich Mansaku Itami, Vater des wesentlich bekannteren Regisseurs und Schauspielers Jūzō Itami, im Westen unter anderem bekannt für Tampopo von 1985, der übrigens auch in Filmen von Nagisa Ōshima oder Shūji Terayama mitwirkte. Die Filmwelt tatsächlich ist ein Dorf! Während des Drehs sollen sich Fanck und Itami jedoch so sehr in die Haare gekommen sein, daß sich die japanische Fassung (also Atarashiki tsuchi) in vielerlei Hinsicht stark von der deutschen unterscheiden soll. Mir selbst ist leider nur die (bei uns übrigens problemlos auf DVD erhältliche) deutsche Fassung bekannt, weswegen ich nicht auf die Unterschiede eingehen kann.

Daß Die Tochter des Samurai also kaum mit einer bewegenden Story aufwartet und das ganze ultranationalistische Drumherum aus heutiger Sicht eher belustigend bis abstoßend wirkt, habe ich ja bereits verdeutlicht. Zwar geben sich alle Darsteller reichlich Mühe, vor allem die junge Setsuko Hara (sie lebt übrigens immer noch! (Nachtrag: Sie ist im Sommer 2015 gestorben)) als leidende Adoptivtochter Mitsuko läßt jedes Herz im Nu dahinschmelzen, aber ihre Leistungen werden von der naiven Handlung und albernen Dialogen doch zu stark beeinträchtigt, als daß davon groß etwas in Erinnerung bleibt -- da helfen auch Größen wie der legendäre Sessue Hayakawa, der das traditionsbewußte Familienoberhaupt gibt, nicht viel. Was aber definitiv erwähnt werden sollte: Es handelt sich hierbei um einen komplett zweisprachigen Film, und die deutschen und japanischen Dialoge halten sich in etwa die Waage. Zudem kommt, daß viele der japanischen Schauspieler (vor allem der Hauptdarsteller, Isamu Kosugi) tatsächlich Deutsch sprechen und nur selten, wie etwa im Fall Hayakawas, nachsynchronisiert wurden. Das beeindruckte mich, auch wenn die deutsche DVD leider keine Untertitel bereithält und man selbst bei halbwegs guten Sprachkenntnissen nicht viel versteht (Tonqualität).

Teruo: "Mein Recht auf individuelle Freiheit habe ich immer!", gleich darauf beim Anblick der Soldaten: "Darauf steht die Macht Japans!" - Gerda: "Und das sind lauter Individualisten?"

Aber Fancks Stärke sind eindeutig die Bilder, und man merkt, daß es ihm große Freude gemacht hat, im wahrsten Sinne des Wortes neues Terrain zu erkunden. Die Aufnahmen des Japans der damaligen Zeit sind äußerst gelungen, und natürlich spielt auch hier ein Berg -- nämlich ein brodelnder Vulkan -- eine wichtige Rolle, vor allem im letzten Drittel. Was Fanck da geleistet hat, ist schlicht beeindruckend. Vorausgesetzt natürlich, man kann sich als hyperaktiver Zuschauer des 21. Jahrhunderts auf ewig lange Einstellungen roher Natur und sie bezwingender Menschen einlassen. Besonders gut gefallen hat mir auch eine längere, leicht expressionistisch anmutende Sequenz, in der sich der Hauptdarsteller in Tokyo betrinkt und gleichermaßen mit westlichen wie mit japanischen Eindrücken konfrontiert wird. Handwerklich auf jeden Fall solide Arbeit. Das verzeiht auch die doch sehr naive Herangehensweise an dieses ach so mystische Land Japan und seine uralte Kultur und Traditionen, die in jeder zweiten Szene explizit erwähnt werden müssen -- übrigens der Hauptgrund, weshalb der Film dort gnadenlos floppte. Würde man auf jedes Klischee einen Kurzen trinken, befände man sich vermutlich schon nach 20 Minuten im Delirium.

Übrigens, für die Monsterfilm-Freunde unter uns: Der Film ist auch das Debüt Eiji Tsuburayas, des legendären Effektkünstlers, der sich später für Godzilla und viele weitere kaijū eiga verantwortlich zeichnen sollte. Als an einer Stelle im Film etwa der Vulkan ausbricht und die umliegenden Häuser zerstört werden, trägt dies bereits unverkennbar seine Handschrift.

Die Tochter des Samurai ist kein Meisterwerk der Filmgeschichte und eindeutig ein Dokument einer nicht besonders glorreichen Zeit der deutschen wie auch der japanischen Geschichte. Richtig übel aufgestoßen ist mir vor allem die dümmliche Propaganda für die japanische Besatzung der Mandschurei als Rohstofflager und Arbeitskammer der Nation, die bekanntlich noch im selben Jahr zum Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieg (der in den Zweiten Weltkrieg überging) führte -- ja, darum heißt der Film wohl auch Atarashiki tsuchi. Aber wer sich etwas für internationale Filmgeschichte interessiert, sollte sich diesen einzigartigen Film natürlich auf keinen Fall entgehen lassen. Sehenswert und unterhaltsam, auf welche Art auch immer, ist er auf jeden Fall.

(Und der Film schreit förmlich nach einem zeitgemäßen Remake, etwa einer bissigen Satire auf japanisch-deutsche Klischees. Sollte ich eines Tages die Mittel dazu haben...!)

6/10
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Kommentare

10.04.2015 15:45 Uhr - cecil b
2x
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Ein sehr gutes Review! Reich an interessanten Hintergründen, was die Geschichte, aber auch die Filmgeschichte angeht. Ohne dabei den Bezug zum Wesentlichen zu verlieren.

10.04.2015 16:36 Uhr - NoCutsPlease
1x
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Wahrlich ein gutes Review mit viel informativem Drumherum! Ich bin ja zum Teil schon jemand, der die versteckten Ecken der Filmkiste durchwühlt, aber dieses Beispiel geht deutlich darüber hinaus. :-)
Klingt nach einem vor allem filmhistorisch interessanten Streifen. Durch die eher einfache Handlung dürften die versteckten Botschaften und Anspielungen umso deutlicher hervorstechen.

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