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The World of Kanako

(Originaltitel: Kawaki.)
Herstellungsland:Japan (2014)
Genre:Drama, Splatter, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,63 (8 Stimmen) Details
inhalt:
Ex-Cop Akikazu (Kōji Yakusho) fristet sein Dasein als heruntergekommener Supermarktdetektiv mit Hang zum Alkohol. Als seine Tochter Kanako (Nana Komatsu) verschwindet, begibt er sich auf eine qualvolle und bald rasende Suche, die verstörende Enthüllungen bereithält. Denn der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen und Kanako hat eine verheerende Spur aus Drogen, Sex und Gewalt hinterlassen. Akikazu steht einer Verdorbenheit gegenüber, die alles, was ihm lieb war, demaskiert – und ihm zugleich einen grellen Spiegel vorhält.
eine kritik von laughing vampire:

Trailer sind manchmal trügerisch, das wissen wir alle. Die schlechtesten Filme können hervorragende Trailer haben, während manche filmische Perlen oft große Schwierigkeiten haben, überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Repräsentativ ist das in den wenigsten Fällen. Bei Kawaki jedoch war mir nach Sichtung des Trailers sofort klar, daß ich mir diesen Film auf keinen Fall entgehen lassen durfte -- handelt es sich hierbei doch das neueste Werk des Meisterregisseurs Tetsuya Nakashima, der sich auch für Shimotsuma Monogatari / Kamikaze Girls, Memories of Matsuko sowie den auch hierzulande sehr erfolgreichen Kokuhaku / Geständnisse verantwortlich zeichnet.

Von manchen Kritikern werden Nakashimas Werke als reiner Ästhetizismus kritisiert, die ihre inhaltliche Leere mit wunderschön gefilmten Bildern zu kompensieren versuchen. Ich persönlich stelle mir solch Sinnfragen grundsätzlich nie. Es gibt Rezipienten, die bei jedem Film unbedingt eine klare Aussage, eine Botschaft oder was auch immer fordern, um ihn als Meisterwerk bezeichnen zu dürfen. Diese Herangehensweise halte ich für sehr amerikanisch. Nein, ein Film muß mich in erster Linie fesseln, berühren, begeistern. Was mir der Regisseur damit sagen möchte bzw. ob er überhaupt etwas aussagen möchte, ist für mich in den meisten Fällen, wenngleich nicht immer, zweitrangig. Dennoch wird auch Kawaki (zu Deutsch: Durst), wenn er demnächst im westlichen Heimkino als The World of Kanako erscheint, die Gemüter der Kritiker ordentlich erhitzen.

Ein knüppelharter Ex-Polizist, der sich längst von seiner Familie entfremdet hat und sich hauptsächlich in seiner Wohnung besäuft, erfährt, daß seine jugendliche Tochter Kanako vermißt wird. In ihrem Zimmer entdecken seine Ex-Frau und er schließlich Drogen, was ihn veranlaßt, der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Er gerät dadurch in einen Strudel der Gewalt, der sich gewaschen hat, und wird mit menschlichen Abgründen konfrontiert, die seine bereits angeknackste geistige Gesundheit vollends aus dem Ruder geraten lassen. In einem zweiten, zeitlich versetzten Handlungsstrang erzählt uns ein Außenseiter-Schulfreund Kanakos von seiner gefährlichen Liebe zu diesem mysteriösen Mädchen, das ihn trotz allem zu beachten scheint. Schnell wird jedoch deutlich, daß diese Schwärmerei kein gutes Ende für ihn nehmen wird.

Es ist wirklich schwierig, diesen filmischen Wahnsinn auch nur irgendwie in Worte zu fassen, weswegen ich lange mit diesem Review gezögert habe. Kawaki überfordert den Zuschauer einerseits komplett mit seiner leicht diffusen Erzählweise und der ekstatischen audiovisuellen Gestaltung, ermöglicht aber dennoch von Anfang an eine ungeheure Immersion und spielt, wie bereits die älteren Werke Nakashimas, ständig mit den Erwartungen. Ich wurde selten von einem Film so häufig überrascht und begeistert wie hier, ja, ich konnte oftmals gar nicht glauben, was ich da gerade sah. Die Rahmenhandlung selbst und ihre (womöglich vorhersehbare) Auflösung treten nach und nach in den Hintergrund, wenn etwa plötzlich ein amoklaufender Joe Odagiri auftritt oder völlig wilde Drogenparty-Sequenzen eingespielt werden. Einfach unglaublich und schlichtweg genial.

Dabei ist der Gewaltpegel stets am Anschlag. Der japanische Film ist in den letzten Jahren bis auf wenige Ausnahmen leider äußerst zahm geworden. Dieses Werk bietet jedoch wieder genau das, wofür das Inselreich einst berühmt-berüchtigt war, ohne dabei irgendwie billig oder trashig zu wirken wie etwa die aktuellen Auswüchse des J-Splatters. Handwerklich absolute Spitzenklasse, mit erfrischend wenig CGI übrigens (wobei es natürlich nicht ganz ohne geht). Aber trotz aller Brutalität und Gewaltdarstellung ist Kawaki keineswegs ein bierernster Film und durchzogen von tiefschwarzem Humor, wie es ihn fast nur in Asien gibt -- und während man das Gesehene zu Beginn noch gar nicht einordnen kann (Drama? Thriller? Komödie?), wird der Film nach und nach absurder, was keineswegs etwas Schlechtes ist, wenn man sich darauf einläßt. Nakashima selbst äußerte in einem Interview, daß er bei diesem Werk nach dem eher ernsthaften Kokuhaku einfach mal die Sau rauslassen wollte, und das merkt man: Der Film erinnert in seiner rohen Brutalität stark an Vertreter des modernen koreanischen Genrekinos wie etwa Angmareul boatda / I Saw the Devil einerseits und amerikanische bzw. europäische B-Actionfilme aus den 70ern und 80ern andererseits.

Besonders toll ist auch der abwechslungsreiche Soundtrack: Er besteht, frei nach Tarantino, fast gänzlich aus bereits existenten Titeln aus allen möglichen Zeiten und Ländern, von J-Pop bis hin zu amerikanischen Schlagern, und selbst die von mir schon lange geliebte japanische Untergrund-Band Trippple Nippples ist im Film zu hören!

Bezüglich der schauspielerischen Leistung gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln; Kōji Yakusho, mittlerweile auch im Westen kein Unbekannter mehr, war noch nie so böse und widerwärtig; der Newcomerin Nana Komatsu kauft man ihre Rolle als diabolische Kanako ebenfalls ab, und selbst in den Nebenrollen trifft man auf bekannte Gesichter wie Fumi Nikaidō oder Jun Kunimura. Joe Odagiri habe ich bereits erwähnt. In dem zweistündigen Film tritt eine Vielzahl an Charakteren auf, weswegen ich nicht noch ausführlicher darauf eingehen möchte, aber für mich hat auch in dieser Hinsicht alles gepaßt. Besonders die jugendlichen Gangster fand ich sehr unterhaltsam. Der ganze Film ist in seiner Überdrehtheit natürlich typisch japanisch und (insbesondere gegen Ende) stets am Rande dessen, was man hier gerne als Overacting kritisiert, aber da er auch eindeutig auf ältere westliche Genrefilme anspielt und von Filmzitaten nur so strotzt, dürfte garantiert für jeden etwas dabei sein.

Für mich ist Kawaki der mit Abstand beste Film des Jahres 2014. Die britische Bluray sollte am 22. Juni erscheinen; in Deutschland (wo er anscheinend schon in vereinzelten Kinos lief und* von Rapid Eye Movies vertrieben wird, eine Veröffentlichung auf Bluray ist jedoch noch nicht angekündigt) könnte es unter Umständen Probleme mit der FSK geben, aber gerade da gab es ja zuletzt einige positive Überraschungen. Wartet dennoch nicht länger als nötig und besorgt euch diesen Film!

(* Ich habe heute erfahren, daß der Film auf der diesjährigen Nippon Connection in Frankfurt läuft, die ihn als "Deutschlandpremiere" ankündigt.)

10/10
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Kommentare

08.05.2015 21:51 Uhr - Bruce Banner
5x
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DAS klingt mal echt nach nem Tipp!
Kokuhaku fande ich ziemlich gut und deinem toll geschriebenen Review nach zu urteilen scheint der hier auch ganz nach meinem Geschmack zu sein.
Vielen Dank!

09.05.2015 10:48 Uhr - NoCutsPlease
2x
DB-Helfer
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Wieder einmal ein sehr gutes Review von dir!
Ich persönlich bin zwar kein Asia-Film-Fan im klassischen Sinne, aber so wie ich aus Gründen der Abwechslung sehr gern mal asiatisch essen gehe, konsumiere ich auch gern den einen oder anderen Film aus der Ecke. Danke für den guten Tipp, der wäre sonst echt an mir vorbeigegangen!

10.05.2015 15:33 Uhr - cecil b
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Wieder ein toll formulierter Geheimtipp von dir!

Übrigens: Wie wärs mal mit nem Kurosawa?

11.05.2015 19:41 Uhr - Laughing Vampire
DB-Helfer
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Danke für die Rückmeldung! Ich bin mir sicher, ihr werdet ebenfalls Spaß mit dem Film haben. :)

@cecil: Kurosawa ist schwierig. Da seine Filme auch (oder gerade) im Westen sehr bekannt sind, wurde darüber schon fast alles gesagt. Allerdings wäre Yume / Dreams, sein letzter Film, vielleicht durchaus eine Überlegung wert. Der hat mich nämlich sehr fasziniert und wurde auch nie so beachtet wie etwa die sieben Samurai oder Ran. Ich merk's mir!

11.05.2015 23:47 Uhr - cecil b
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Kurosawa kann natürlich 'Kommerz' wie Kubrick genannt werden, aber auf dieser Seite hat er noch nicht genug Beachtung bekommen. Er gehört zu den Bedeutentsten. Aber wem erzähl ich das. ;)

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