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All About Lily Chou-Chou

(Originaltitel: Rirī Shushu no subete)
Herstellungsland:Japan (2001)
Genre:Drama, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 10,00 (1 Stimme) Details
eine kritik von laughing vampire:

Endlose Semesterferien, sehr wenig zu tun, lange Nächte -- was liegt da näher, als sich endlich an ein paar Filme zu wagen, die man schon lange mal sehen wollte? Gedacht, getan, und meine spärlichen restlichen Euros in DVDs investiert. Ernähren kann man sich schließlich auch hervorragend von koreanischen Instant-Nudeln, die man kistenweise für billig Geld erhält und die die nötigen Nährstoffe liefern, wenn man solche doch sehr langen Filme wie den vorliegenden am Stück durchzuhalten möchte.

Genug geschwafelt. Shunji Iwai ist ein Name, der einem immer wieder begegnet, wenn man sich etwas mit modernem asiatischem Kino auseinandersetzt. Zu meiner Schande hatte ich vor Lily Chou-chou lediglich den brillanten, aber etwas anstrengenden Swallowtail gesehen, und es war höchste Zeit, das restliche Werk Iwais in Angriff zu nehmen. Er ist bekannt und erfolgreich als Regisseur, der gerne Neues ausprobiert und die Grenzen der Genres sprengt, was er hiermit anno 2001 ebenfalls getan hatte: Vor dem eigentlichen Film startete er nämlich ein Internet-Forum, an dem man sich frei beteiligen und auf das Endergebnis einwirken konnte. Somit bilden (oft sehr verschwurbelte) Foreneinträge, die während des Films stetig eingeblendet werden, das Skelett Lily Chou-chous. In welcher Form dies tatsächlich einen Einfluß hatte, kann ich nicht beurteilen -- gute Promotion war es zur Entstehungszeit auf jeden Fall.

Der Film erzählt in nicht-chronologischer Abfolge die Schicksale mehrerer japanischer Mittelschüler (d.h. Jugendliche zwischen 13 und 15) in einer ländlich geprägten Gegend im Großraum Tokyo. Im Zentrum stehen die beiden Figuren Hoshino und Hasumi, die sich im Kendo-Club der Schule kennenlernen -- Hoshino ist zu Beginn ein Außenseiter, der mit seiner geschiedenen Mutter ein scheinbar recht wohlhabendes Leben führt und in der Vergangenheit ein brillanter Schüler war. Hasumi hingegen stammt aus einer etwas zerrütteten Unterschichtsfamilie und ist Mitglied einer kleinen Clique, die öfter mal von der Brücke pinkelt. Hoshino stößt nach einigen Zwischenfällen dazu und schließlich verbringen die Freunde einen Urlaub auf Okinawa, nachdem sie einen Porsche-Besitzer ausrauben konnten. Währenddessen ertrinkt Hoshino beinahe im Meer und muß an Land reanimiert werden. Infolge dieses Ereignisses ändert sich sein Charakter schlagartig, und in der Schule wird der Außenseiter schlagartig zum Anführer-Typen, der die Mitglieder seiner Clique nach und nach in kriminelle Handlungen verstrickt: So demütigt er etwa den alten Klassen-Anführer auf brutalste Art und Weise und zwingt eine Mitschülerin zur Prostitution. Hasumi wird selbst zur Zielscheibe und flüchtet sich immer mehr in die Welt seines großen Idols, der Popsängerin Lily Chou-chou. Bei einem Konzert soll es schließlich zum Eklat kommen, denn (wie bereits zu Beginn des Films verdeutlicht) er ist nicht der einzige Fan.

Letzten Endes ist es eine Geschichte um systematische Schikane an der Schule und sonstige Probleme, mit denen sich japanische Heranwachsende konfrontiert sehen: Ijime und Enjo kōsai (Wikipedia hilft euch gerne) waren insbesondere um die Jahrtausendwende ein großes Thema in den Medien. Seither hat sich der Hype um die verrohende Jugend zwar etwas abgeflacht, ein präsentes Thema ist es jedoch nach wie vor. Deswegen ist der doch sehr japanische Film sicherlich nicht für jeden europäischen Filmfreund, der sich nicht ausführlich mit der Materie auseinandergesetzt hat, gleichermaßen interessant, geschweige denn leicht verständlich. Dies soll jedoch keine Warnung sein, denn Lily Chou-chou no subete ist in der Tat ein herausragender Film, und dies in vielerlei Hinsicht.

Der Film beginnt erst einmal sehr zäh, und es dauert eine ganze Weile, bis man überhaupt einen Überblick gewonnen hat, da die Erzählweise wie bereits erwählt nicht chronologisch gestrickt ist. Ich hatte die ersten 30 (von 150) Minuten überhaupt keine Ahnung, was nun auf mich zukommen sollte, und ließ mich von der Musik und den eingestreuten kryptischen Forenbeiträgen (die sich alle auf die fiktive Sängerin Lily Chou-chou beziehen) einlullen -- bis ich irgendwann begriff, daß genau dies die Absicht des Regisseurs war, denn nach und nach erfährt man, wo man sich in der Handlung gerade befindet, und die äußerst dramatische Handlung entfaltet ihre volle Wucht.

Die Inszenierung ist dabei entgegen der teils schwer verdaulichen Handlung stets ruhig und enigmatisch, was mit zunehmender Laufzeit mit den sich zuspitzenden Ereignissen konterkariert. So konnte ich zwar schnell herausfinden, welche Figuren sich etwa hinter den eingeblendeten Forenbeiträgen verbirgt (das wird schnell offensichtlich), aber überrascht wurde ich dennoch oft genug, und dies ist ausschließlich Iwais Gespür für die richtigen Bilder zu verdanken. Gerade die weiblichen Figuren, die eine Schlüsselrolle spielen, sind hervorragend gezeichnet; der Anfangs sehr präsente Hoshino tritt nach und nach in den Hintergrund und entwickelt sich zu einem hervorragenden Antagonisten. Noch einmal zur Erinnerung: Es handelt sich bei den Hauptcharakteren um 14-jährige Schüler; manche der Schauspieler waren zur Drehzeit auch nicht viel älter. Das ist schon ein starkes Stück!

Musik spielt dabei natürlich eine große Rolle. Die Lieder Lily Chou-chous etwa erinnern größtenteils an Shoegaze (und wären in der Realität wohl kaum so populär geworden wie im Film, aber das ist geschenkt) und paralysieren den Zuschauer, während sonst vor allem Claude Debussys klassische Musik präsent und prägend ist. Die stärkste Szene im gesamten Film ist meiner Meinung nach jedoch eine A-Capella-Aufführung der Schüler an einer Abschlußfeier etwa zur Mitte der Handlung: Im filmischen Zusammenhang gleichermaßen verstörend wie schön, und das umschreibt das gesamte Werk.

Ich jedenfalls empfehle den Film unbedingt weiter. Wer etwa den thematisch vergleichbaren, wenngleich späteren Kokuhaku (Confessions) von Tetsuya Nakashima mochte, ist bei Lily Chou-chou genau richtig. Es ist zwar ein ruhiger, langatmiger und verwirrender Film und daher definitiv nichts für zwischendurch, aber wer sich die Zeit nehmen kann, sollte dies auf jeden Fall tun -- vorausgesetzt, man kann mit der Thematik überhaupt etwas anfangen. Denn schnell vergessen wird man ihn kaum.

Einziger Haken: Die Veröffentlichungen. Mir ist außerhalb Japans nur die britische DVD von Optimum Releasing (welch Ironie) bekannt, die ich auch selbst besitze und die eine einzige Katastrophe ist. Der Breitbild-Film, der anscheinend sogar mit einer damals neuartigen Digitalkamera gefilmt wurde, wurde dabei VHS-mäßig in ein 4:3-Seitenformat gezwängt, und obendrein gibt's eingebrannte Untertitel, die natürlich größtenteils auf den schwarzen Balken eingeblendet werden, weswegen man nicht einfach bequem heranzoomen kann, sofern man darauf angewiesen ist. In solchen Momenten hätte ich gerne wieder einen Röhrenbildschirm... Ja, derartige Veröffentlichungen gab es zur DVD-Frühzeit zwar oft genug, aber dies stellt nach wie vor die einzige mir bekannte Option für den europäischen Käufer dar; ein deutsches Release existiert gar nicht. Man kann sich eine ordentliche Bluray also nur wünschen, aber Lily Chou-chou ist nur eines von vielen japanischen Meisterwerken, dem solch ein Schicksal beschert wurde.

Nichts desto trotz: Es lohnt sich auch so. Und vielleicht besteht ja tatsächlich noch Hoffnung.

10/10
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Kommentare

28.09.2015 04:03 Uhr - Laughing Vampire
DB-Helfer
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Schon wieder 10/10, ich weiß. Nächstes Mal schreibe ich endlich mal einen Verriß. :)

28.09.2015 08:44 Uhr - Angertainment
2x
DB-Helfer
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Hey! Eine klasse Review zu einem total unterschätzten Werk. Mir gefällt besonders die Auswahl deiner Titel.
Weiter So!

28.09.2015 09:02 Uhr - NoCutsPlease
3x
DB-Helfer
User-Level von NoCutsPlease 23
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In der Tat ein sehr interessantes und gut gelungenes Review.

Deine Kritiken weisen immer einen Japaninsiderstil auf und machen stets auf Filme aufmerksam, von denen man sonst nie gehört hätte.

28.09.2015 16:47 Uhr - Crítter
1x
DB-Helfer
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Erfahrungspunkte von Crítter 488
Ein schöner Beitrag zu deinen immer gerne gelesenen Reviews. Von dem Streifen habe ich bisher noch nichts mitbekommen. Aber aus deiner kleinen beschriebenen Sammlung suche ich mir hin und wieder mal ein paar Filme raus :)

So habe ich Cello, Kawaki und Lady Snowblood wie du weißt gesichtet. Ein paar andere kenne ich bereits schon, und Mermaid Legend habe ich mir neben deinen beiden Tipps- Ran und Kwaidan mittlerweile auch klar gemacht. Werde demnächst mal einen kleinen Marathon-Abend/Nacht machen müssen.

Bin sehr auf deinen Verriss gespannt. Der hoffentlich keinen solcher Sachen treffen wird die ich persönlich ja ein wenig abfeier ^^

28.09.2015 18:21 Uhr - Laughing Vampire
1x
DB-Helfer
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Erfahrungspunkte von Laughing Vampire 339
Danke für die Rückmeldung! :)
@NoCuts: Ich hab ja immer Angst, daß das als Angeberei aufgefaßt werden kann. Wenn das nicht der Fall ist und ich dem Leser wirklich etwas Neues vermitteln kann, freut mich das umso mehr!
@Crítter: Schön zu hören. Besonders deine Meinung zu Mermaid Legend (oder auch Cello!) würde mich sehr interessieren, also halte dich nicht zurück mit einer eigenen Kritik. Ein Kandidat für einen Verriß wäre übrigens der wirklich fürchterliche koreanische Thriller Hwayi (Monster Boy). ;)

28.09.2015 19:11 Uhr - NoCutsPlease
1x
DB-Helfer
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Man könnte je nach Empfinden einzelne Sätze als leicht hochnäsig gegenüber den Heerscharen der Unwissenden auslegen, aber das Gesamtpaket klingt sachlich fundiert und kompetent. ;-)

10.10.2015 01:15 Uhr - Crítter
DB-Helfer
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@ Laughing Vampire
Ist für mich nicht so einfach, und habe auch oft mal kein Nerv auf Review schreiben. Daher bleibe ich lieber bei einfachen Sachen.

PS: Dein ebenfalls empfohlener Film "100 Yen Love" war super :)

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