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Jeremy

Originaltitel: Jeremías, El

Herstellungsland:Mexiko (2015)
Genre:Drama, Komödie
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (1 Stimme) Details

Inhaltsangabe:

Jeremy hat ein Problem: er ist ein Genie, ein hochbegabter, neunjähriger mexikanischer Junge. Und ihm widerfährt das, was kleinen Genies üblicherweise widerfährt: er wird in der Schule gemobbt und von seiner Umgebung, inklusive seiner Familie, nicht verstanden. Bald merkt Jeremy, dass er sich in einer Sackgasse befindet. Und so beschließt er, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen: er schmeißt die Schule, beginnt, sich selbst zu unterrichten und nimmt Kontakt zu einem Professor auf, der hochbegabte Kinder fördert. Jeremy muss für sich herausfinden, welchen Lebensweg er beschreiten will. Eine schwierige Frage, selbst für ein Genie, denn die Möglichkeiten erscheinen endlos. Aber vielleicht ist die Antwort ja einfacher, als Jeremy es wahrhaben will? ()

eine kritik von mynan:

Es ist immer wieder schön, völlig unvorbelastet und ohne große Erwartungen an einen neuen Film mit unbekanntem Regisseur und ebensolchen Darstellern heranzugehen und dann mehr zu bekommen, als man eigentlich erwartet hat. Filmfestivals bieten hier immer wieder schöne Gelegenheiten, in einer netten Umgebung neues kennenzulernen und mit einem bleibenden Eindruck nach Hause zu gehen. Der kolumbianisch/spanische Film "Das verborgene Gesicht" (vgl. auch das sehr schöne Review von Insanity667) war so ein Erlebnis, das mir hier wieder einfällt und das mir von dem damaligen Fantasy Filmfest nachhaltig in positiver Erinnerung geblieben ist.  Ein solches Erlebnis hatte ich nunmehr wieder am gestrigen Tag.

"El Jeremías" ist das Regiedebüt von Anwar Safa, ein mexikanischer Regisseur mit libanesischen Wurzeln. Ich hatte das Glück, "Jeremy", so der (wahrscheinliche/hoffentlich zukünftige?) deutsche Titel, auf dem kürzlich zu Ende gegangenen 64. internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg zu sehen (mexikanischer OT mit englischen und deutschen Untertiteln) und auch eine anschließende Gesprächsrunde mit dem Regisseur belauschen zu dürfen. Und ich kann sagen, dass sich der Ausflug nach Mannheim gelohnt hat. Der Film ist mindestens ebenso sympathisch und unterhaltsam wie sein Regisseur; es war eine Freude, "Jeremy" vorab gesehen zu haben.

Der Film handelt von einem neunjährigen mexikanischen Jungen mit einem Luxusproblem: er ist hochbegabt, ein kleines Genie mit einem IQ von 160. Dies erweist sich für ihn jedoch eher als Fluch, denn als Segen: er wird in der Schule von seinem Mitschülern gemobbt, seine Lehrer sind von ihm genervt, seine Familie versteht ihn nicht, und falsche Freunde versuchen, ihn für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Und das Schachspiel, das sich Jeremy selbst beigebracht hat, hält schon bald keine ernstzunehmenden Gegner mehr für ihn parat. Jeremy ist zunehmend ratlos, was seinen weiteren Lebensweg anbetrifft und beschließt, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Doch das gestaltet sich schwieriger, als gedacht, da ihm scheinbar alle Wege offen stehen. Soll er Arzt oder Wissenschaftler werden? Oder lieber der weltbeste Schachspieler? Oder Musiker?  Jede neue Idee wird von Jeremy in seinem Zimmer mit einem Poster des jeweiligen Vorbildes bedacht. Und so hängen dort bald als illustre Gesellschaft Albert Einstein, Jim Morrison, Bobby Fischer, Marie Curie, Alan Turing und einige andere. Doch Jeremy verzettelt sich mehr und mehr und muss sich schließlich die Frage stellen, ob die Lösung seines Problems vielleicht doch naheliegender ist, als er selbst glaubt.

"El Jeremiás" ist eine durch und durch sympathische Komödie, die jedoch auch gesellschaftskritische Aspekte (Kriminalität, Armut als alltäglicher Begleiter in Mexiko) nicht außer Acht lässt. Der Vorspann, in dem Jeremy zu den Klängen von Deep Purples "Smoke on the water" und in Zeitlupe von seinen Mitschülern drangsaliert wird, ist ein Brüller und lässt eigentlich rasanten Slapstick erwarten, was jedoch -und das tut dem Film fraglos gut und macht ihn zu etwas Besonderem- in der Folge nicht eingehalten wird. Der Film besticht fortan vielmehr durch einen eher leisen, klugen und völlig unaufdringlichen Humor, immer wieder unterbrochen von nachdenklichen Momenten.

"El Jeremías" entstand nach einem Drehbuch der Ehefrau von Regisseur Anwar Safa und wurde von der 2007 selbst gegründeten Firma "Terregal Films" produziert. Nach Aussage des Regisseurs dauerte es neun Jahre, bis die (eher zufällig und beiläufig entstandene) Idee in die Tat umgesetzt werden konnte und ein ausreichendes Budget hierfür vorhanden war. Dieses betrug dann aber auch umgerechnet durchaus stolze 1,5 Millionen €.

Gedreht wurde überwiegend in einem kleinen Städtchen im Norden Mexikos und in Mexiko City; die Drehzeit betrug nur wenige Wochen. Die Schauspieler, die hier größtenteils ihr Debüt gaben, spielen ausgesprochen sympathisch und authentisch, ohne jegliches Overacting. Herausragend und deshalb besonders erwähnenswert ist jedoch der kleine Martín Castro in der Rolle des Jeremy, der seine durchaus schwierige und anspruchsvolle Rolle als Genie mit Bravour meistert, so dass in der anschließenden Gesprächsrunde mit Regisseur  Anwar Safa auch nachvollziehbar die Frage aufkam, ob Martín Castro denn auch im echten Leben hochbegabt sei. Eine Frage, die Anwar Safa mit einem Augenzwinkern als noch nicht geklärt bewantwortete und auf den noch ausstehenden Test verwies. Martín Castro gelingt es, Jeremy als angenehm zurückhaltend, reflektiert und mit einer beachtlichen sozialen Kompetenz versehen, darzustellen. Hierdurch entsteht der vielleicht größte Pluspunkt des Films: Jeremy ist und bleibt durchgehend sympathisch und nimmt den Zuschauer direkt für sich ein. Man ist niemals genervt, empfindet Jeremy auch nicht als Klugscheißer und wünscht sich, dass er den richtigen Weg für sich findet. Den Jungen sollte man im Auge behalten; es würde mich nicht wundern, wenn zukünftig noch mehr von ihm zu hören sein wird. Gleiches gilt hoffentlich auch für Regisseur Anwar Safa, der in der gestrigen Gesprächsrunde als Regie führende Vorbilder u.a. Sidney Lumet, Wes Anderson und Quentin Tarantino benannte, sicherlich nicht die schlechteste Auswahl, wie ich finde.

"El Jeremías" kam bei dem Publikum des eingangs genannten Festivals offenbar genausogut an, wie bei mir, und gewann den Publikumspreis. Ich mache jetzt hier einfach mal unverblümt Werbung für diesen Film und hoffe, dass "El Jeremías" eine entsprechende Auswertung in Europa bzw. Deutschland erfährt (so wie es bei dem oben erwähnten "Das verborgene Gesicht" geschehen ist) und dann als das wahrgenommen werden kann, was er ist: ein sehr schöner, sympathischer Film der eher leisen Töne, mit Herz und Verstand, mit erfrischend unverbrauchten Schauspielern, angereichert mit einem feinen, nie aufdringlichen Humor. Verdient hätte es der Film und die daran Mitwirkenden allemal. Deutliche 8 Punkte meinerseits, mit Tendenz zu 9.

8/10
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Kommentare

25.10.2015 17:18 Uhr - NoCutsPlease
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Wieder einmal ein sehr interessanter und gut geschriebener Beitrag! :-) Den kenne ich noch nicht, aber das Mynan-Gütesiegel ist ja recht zuverlässig.
Eine kleine Schelte muss aber sein: Für die Gewinnspielflut ist solch ein Geheimtipp viel zu schade!

25.10.2015 17:56 Uhr - Mynan
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Vielen Dank, und ja, Du hast mit Deiner Schelte recht, das Review wird hier sicherlich untergehen. Ich wollte jedoch die "frischen" Eindrücke von gestern möglichst schnell niederschreiben, ansonsten wäre das vielleicht bei mir untergegangen. Und das wäre ebenfalls schade gewesen ;-)

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