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Eiskalte Typen auf heißen Öfen

(Originaltitel: Uomini si nasce, poliziotti si muore)
Herstellungsland:Italien (1975)
Standard-Freigabe:FSK 18
Genre:Action, Thriller
Alternativtitel:Het recht in eigen hand
Hombre si nace, policia se muere
Iskalla typer pa heta bagar
Live Like a Cop, Die Like a Man
Terminators, The
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,58 (12 Stimmen) Details
inhalt:
Roms Unterwelt in Aufruhr. Zwei Polizeiagenten, Spezialisten einer Elitegruppe, haben dem Verbrechen den Kampf angesagt. Sie lassen ihren Gegnern keine Chance...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von punisher77:

                                   EISKALTE TYPEN AUF HEIßEN ÖFEN         

Im Italien der 1970er Jahre sah es nicht gerade rosig aus. Diese Zeit war geprägt von Gewalt, Korruption und zum Teil anarchischen Zuständen in italienischen Großstädten. Die „Roten Brigaden“ versetzten das Land mit Mordanschlägen, Entführungen und Banküberfällen in Angst und Schrecken, Arbeitslosigkeit und soziale Verelendung machten den Italienern zu schaffen. Hinzu kamen die Korruption, die bis in höchste politische Kreise reichte, eine stetig steigende Verbrechensrate, gegen die eine (angeblich) schlecht organisierte Polizei anzukämpfen versuchte, und die Machenschaften der Mafia. Die italienische Bevölkerung war zutiefst verunsichert und nicht selten wurde der Ruf nach „einer starken Hand“ laut, die „für Ordnung sorgt". In diesem politisch – gesellschaftlichen Klima entstand der Poliziottesco, der italienische Polizeifilm. Oft bezeichnete man mit diesem Namen jeden italienischen Film, der etwas mit Gangstern, der Mafia und der Polizei zu tun hatte, aber genau genommen handelt es sich beim Poliziottesco um eine italienische Variante des Polizeifilms, die hauptsächlich zwischen 1968 und 1982 entstand und Einflüsse aus amerikanischen Cop – Thrillern wie Dirty Harry (1971), French Connection (1971) und Serpico (1973) auf italienische Verhältnisse ummünzte, damit das Verhältnis wenigstens im Kino wieder geradegerückt wurde. Im Poliziottesco traten (oft schnauzbarttragende) einzelgängerische Polizisten gegen Syndikate, Berserker, Vipern und Kröten an und hatten dabei nicht nur mit Gangstern und Killern zu tun, sondern mussten sich auch mit einem kaputten, korrupten System herumschlagen. Der Poliziottesco traf damit genauso den Nerv der Zeit und des Publikums, wie es kurz zuvor der Italowestern getan hatte – nur dass die Helden des Genres diesmal (oft) Polizeimarken trugen. Viele Protagonisten des Italowesterns, z.B. Franco Nero (Django, 1966), Tomas Milian (Der Gehetzte Der Sierra Madre (1966) oder Maurizio Merli(Mannaja – Das Beil Des Todes,1977), waren auch im Poliziottesco tätig. Während einige Filme dieses Genres daran interessiert warten, ernsthaft gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, waren viele andere pure Exploitation. Und das beste Beispiel dafür ist Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen (1975).

Inszeniert wurde Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen von Ruggero Deodato, der 1980 mit seinem Cannibal Holocaust – Streifen einen der kontroversesten Horrorfilme aller Zeiten auf die Menschheit loslassen sollte. Seine Hauptdarsteller waren Marc Porel und Ray Lovelock. Porel hatte bisher in Filmen wie Der Clan Der Sizilianer (1969, mit Alain Delon und Jean Gabin) und Hector, Der Ritter Ohne Furcht Und Tadel (1975, mit Bud Spencer) mitgespielt und war stark drogenabhängig; bereits 1983 starb er im Alter von nur 34 Jahren an einer Hirnhautentzündung. Lovelock war im italienischen Genrekino kein Unbekannter und hatte u.a. in dem italienisch – spanischen Zombiefilm Das Leichenhaus Der Lebenden Toten (1974) und in dem Poliziottesco Der Berserker (1974) mitgespielt. Eine Nebenrolle spielt Adolfo Celi, den man als Schurken aus dem James Bond 007 – Film Feuerball (1965) kennt.

Antonio (Mark Porel) und Alfredo (Ray Lovelock) gehören zu einer nicht näher definierten Spezialeinheit der italienischen Polizei. Sie sind meistens mit dem Motorrad unterwegs und immer zur Stelle, wenn Gangster, Bankräuber und Geiselnehmer ihr Unwesen treiben. Und sollte ein Schurke eine Konfrontation mit den beiden wider Erwarten doch überleben, dann wird er nicht etwa verhaftet, sondern per Genickbruch in den Dauerschlafsaal verlegt. Dabei sind unsere Eiskalten Typen auf heißen Öfen sogar so effizient, dass sie Missetätern bereits das Lebenslicht ausknipsen, bevor sie überhaupt zur Missetat schreiten können. Der größte Feind des dynamischen Duos ist der Gangster Robert Pasquini (Renato Salvatori – Rocco Und Seine Brüder, 1960), der etliche Spielhöllen besitzt und der Polizei bisher immer entkommen konnte…

Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen ist pure Exploitation und  fast schon eine Parodie auf das Genre. Während in den USA Filme wie Dirty Harry (1971) oder Ein Mann Sieht Rot (1974) mit ihrer Selbstjustizmentalität für Kontroversen sorgten, sah man diese in Italien nicht so eng. Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen treibt diesen Aspekt des Genres jedoch so weit auf die Spitze, dass man ihn kaum noch ernst nehmen kann und man schon ziemlich spaßbefreit sein muss, um Ruggero Deodatos Genrebeitrag hundertprozentig ernstzunehmen, so unterhaltsam überzeichnet ist das Geschehen. Ein Beispiel ist die Darstellung der Schurken im Film. Die Bösen im Film werden so böse dargestellt (Die überfahren sogar einen Blindenhund…), dass sie es gar nicht anders verdient haben als von unseren beiden motorradfahrenden Helden über den Haufen geschossen zu werden, und wenn sie doch noch zu wertvollen Informanten taugen sollten, darf man sie ebenso foltern, wie man die Autos von Besuchern einer Spielhölle in Brand setzen darf. Man hat ja als Gesetzeshüter einer Spezialeinheit (die nochmal wozu da ist…?)  nichts zu befürchten, außer dass Papa Adolfo Celi als Chef des Ganzen mahnend den Zeigefinger hebt und sich darüber beschwert, dass ihm die Aktionen seiner Schützlinge den Nachtschlaf rauben. Es gibt Schlimmeres…

Auch das Frauenbild des Films regt zum Schmunzeln an. Da kabbeln sich Antonio und Alfredo mit der Sekretärin ihres Chefs darum, wer als erster mit ihr schlafen darf und eine Verdächtige entpuppt sich als so scharf, dass sie es bei einer Hausdurchsuchung sowohl mit Antonio als auch Alfredo treibt…und das, obwohl Antonio sie vorher noch geohrfeigt hatte. Hossa!

Aber auch abgesehen von diesen (zumindest aus heutiger Sicht) eher zum Schmunzeln als zum Ärgern anregenden Elementen, aus denen sich der riesige Unterhaltungswert des Films ergibt, hat Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen noch mehr zu bieten. Ruggero Deodato hat die, teilweise ziemlich blutigen, Actionszenen weitgehend kompetent inszeniert. Schon die auftaktgebende Verfolgungsjagd, die weitgehend ohne Musik auskommt, ist ein realistisch anmutendes Spektakel und auch danach gibt es zahlreiche Schlägereien und Shoot Outs, in denen definitiv keine Gefangenen gemacht werden. Dabei hatte es Deodato schon damals drauf, es mit der Gewalt zu übertreiben. Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen  ist natürlich nicht so brutal wie Cannibal Holocaust, war aber immer noch hart genug, um in Italien vor der Kinoauswertung geschnitten zu werden – es fehlt, wie einem Mann ein Auge entfernt wird, ehe es zertreten wird. Ansonsten sind alle Gewaltszenen – zumindest in der Blu Ray von 88 Films – unangetastet.

Was Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen außerdem sehenswert macht, sind seine beiden Hauptdarsteller. Die Chemie zwischen Marc Porel und Ray Lovelock, die in einer WG wohnen und in ihrer Freizeit auf Dosen schießen, stimmt. Außerdem haben es die beiden mit einem würdigen Gegner zu tun, der von Renato Salvatori enorm skrupellos und mit kaum zu einer Gefühlsregung fähigen Mimik gespielt wird. Und Adolfo Celi verleiht dem Film aufgrund seiner James Bond 007 – Vergangenheit ein wenig Hollywoodflair, obwohl seine Rolle ein wenig undankbar ist.

Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen wird aber durch den wirklich schlappen Showdown runtergezogen. Angesichts der Verfolgungsjagden und Schießereien, die dem Zuschauer im Vorfeld geboten wurden, bleibt die Endabrechnung in Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen weit hinter den Erwartungen zurück … da gibt es keine richtig ausufernden körperlichen Konfrontationen oder exzessiven Schießereien, sondern nur ein Ende, das man unter „ganz nett“ verbuchen kann. Hier wäre definitiv mehr drin gewesen!

Trotzdem ist Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen ein weit überdurchschnittlicher, unterhaltsamer, aber definitiv nicht ernstzunehmender und mit kleinen Fehlern versehener Poliziottesco geworden, der Freunde des italienischen Polizei – bzw. Actionfilms auch heute noch begeistern kann. Es gibt zwar einige bessere Genrefilme, aber trotzdem ist Eiskalte Typen Auf Heißen Öfen für Freunde des Genres eine Sichtung wert.

8/10
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Kommentare

12.12.2015 17:24 Uhr - leichenwurm
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Wow... klasse Review Punisher ! Vor allen Dingen die Einordnung des Film Genres in die damalig vorherrschenden Sozial-Politischen Zustände des Italiens in den 70er Jahren haben mir gefallen. Und der Film wurde von dir ebenfalls kompetent und sehr ansprechend rezensiert. Ich habe was Deodatos Werke abseits des Horrorgenres angeht die ein oder andere Kratergrosse Bildungslücke... dieser Streifen hier war mir bisher auch noch komplett unbekannt... Danke für den Tipp... solch simple Selbstjustiz Reisser gehen ja eigentlich immer... ;-)

12.12.2015 17:57 Uhr - NICOTERO
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Respekt!....Hammer Review!! Und "Mopedfilme" gehen immer:)!
Cool...

12.12.2015 18:55 Uhr - Punisher77
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Vielen Dank, Leute, freue mich über Eure Rückmeldungen :-).

@Leichenwurm:
Ich kenne Ruggero Deodato auch nur wegen "Cannibal Holocaust" und wegen einiger Episoden einer Bud Spencer - TV-Serie...was seine anderen Werke anbelangt, bin ich auch kein Experte. Dass er die "Eiskalten Typen" inszeniert hat, habe ich erst erfahren, als ich seinen Namen in den Credits las.

12.12.2015 20:27 Uhr - Insanity667
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Scheenes Ding! :D
Jaja, der Deodato war damals eigentlich ein recht umtriebiger! :) Immerhin hat er sogar mit David A. Hess einen Homeinvasion/Rape&Revenge-Thriller gemacht!

12.12.2015 21:22 Uhr - dicker Hund
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Fein, was man hier alles so von Filmen erfährt, von denen nur eine Minderheit Kenntnis haben dürfte. Besten Dank für den Tipp!

12.12.2015 21:25 Uhr - NoCutsPlease
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Tolles Review vom Bestrafer. Da passt wieder mal alles!

Den Film kenne ich noch nicht, aber er klingt durchaus nach meinem Geschmack.

13.12.2015 10:26 Uhr - Punisher77
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Danke für Eure netten Antworten!
Der "Poliziottesco" hat definitiv einige gute Filme zu bieten und das wird bestimmt nicht das letzte Review zu einem Film dieses Genres gewesen sein.

14.12.2015 14:22 Uhr - wieauchimmer
"...Tomas Milian (Der Gehetzte Der Sierra Madre (1966) oder Mannjaja – Das Beil Des Todes (1977)…"

In "Mannaja" hat Maurizio Merli gespielt, ein elementarer Schauspieler im ital. Polizeifilm. ;)

Von Deodato kann ich noch "Cut and run" empfehlen. Geht in die Richtung "Cannibal Holocaust".

15.12.2015 21:44 Uhr - Punisher77
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Danke für den Tipp. Vor dem Titel "Mannaja..." hätte Maurizio Merli stehen sollen. Hab´ alles korrigiert.

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