SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Evil West · Erheb dich und werde zum Wildwest-Superhelden · ab 52,99 € bei gameware Horizon Forbidden West · Eine postapokalyptische Welt · ab 74,99 € bei gameware

Letztes Jahr in Marienbad

Originaltitel: L'année dernière à Marienbad

Herstellungsland:Frankreich, Italien (1961)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama
Alternativtitel:Anno scorso a Marienbad, L'
Last Year at Marienbad
Last Year in Marienbad
Bewertung unserer Besucher:
Note: 10,00 (2 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Ein Mann und eine Frau treffen sich in einem prachtvollen Schloss. Er versucht sie davon zu überzeugen, dass sie sich ein Jahr zuvor hier verabredet haben, um zusammen ein neues Leben zu beginnen. In bruchstückhaften Erinnerungen beschwört er ihre gemeinsame Vergangenheit, doch die Frau kann sich an nichts erinnern. (Studiocanal Homepage)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von mynan:

Als "Nouvelle Vague" ("neue Welle") wird eine bis ca. Mitte der 60' er Jahre andauernde neue Formausrichtung des französischen Kinos bezeichnet, die in zwei Phasen nach den beiden Weltkriegen aufkam und sich gegen das etablierte Kino, die herkömmliche Bildsprache und die traditionelle, stringente Erzählweise wandte. Folgerichtig wählte man auch eher unbekannte und unverbrauchte Darsteller, um sich von dem traditionellen Kino abzugrenzen. Die "Nouvelle Vague" hatte zweifellos auch eine starke Affinität zur Kunst, hier insbesondere zum Surrealismus, zeichnete sich durch verstärkte Formen der filmischen Ästhetisierung, aber auch Fragmentierung aus und etablierte neue Filmtechniken und neue, ungewöhnliche, geradezu radikale, experimentelle Erzählstile, die fortan einen großen Einfluss ausübten und teils noch heute in Filmen, Kunst und Werbung eingesetzt werden.

Als Musterbeispiel und einer der bedeutendsten filmischen Vertreter der "Nouvelle Vague" gilt der 1961 von Alain Resnais inszenierte "Letztes Jahr in Marienbad". Der Film war sein zweiter Spielfilm nach "Hiroshima, mon amour", 1959 (Oscar-Nominierung für das Drehbuch). Zuvor hatte Resnais bereits eine Reihe von Dokumentationen über berühmte Künstler wie van Gogh oder Gauguin gedreht, was sicherlich auch seine Affinität zum Film als Kunstform im wahrsten Wortsinne mitgeprägt hat.

Der Inhalt von "Letztes Jahr in Marienbad" lässt sich sehr kurz wiedergeben: Ein namenloser Mann (Giorgio Albertazzi) trifft eine namenlose Frau (Delphine Seyrig) in einem Schloss oder Kurhotel, welches ebenfalls unbenannt bleibt. In der Folgezeit versucht der Mann die Frau zu überzeugen, dass sie sich bereits im vergangenen Jahr getroffen haben, sich kennen- und liebengelernt haben, und beschlossen hatten, miteinander fortzugehen. Dieses "Versprechen" möchte er nun einfordern. Die Frau kann sich jedoch an nichts dergleichen erinnern und will von alldem auch nichts hören, folglich muss der Mann große Mühen und Überredungskünste aufwenden, um die Frau für sich zu gewinnen. Ein für viele von uns bekanntes Szenario also.

"Letztes Jahr in Marienbad" beinhaltet fraglos alle filmischen Zutaten der "Nouvelle Vague". Der Film ist äußerst schwer zugänglich, was neben dem laaangsaaamen Erzählstil und seiner ausgesprochen schwermütigen musikalischen Untermalung sicherlich zuvorderst daran liegt, dass herkömmliche Erzählstrukturen völlig aufgelöst und durchbrochen werden. "Letztes Jahr in Marienbad" wirkt ausgesprochen experimentell und in seinen Szenen geradezu fragmentarisch, verschachtelt und rätselhaft. Als Zuschauer kann man sich niemals ganz sicher sein, ob man sich gerade in Gegenwart oder Vergangenheit, Erinnerung oder Wirklichkeit befindet, ob man die Wahrheit sieht und hört, oder einem Lügenkonstrukt, einer Illusion oder einem Hirngespinst gegenübersteht. Auffällig wirkt vor allem die Kameraarbeit, die damals alle seitherigen Sehgewohnheiten vor eine neue Herausforderung gestellt haben dürfte: Mal ist die Kamera rastlos kreisend und wandernd und unternimmt wahre "Argento-eske" Ausflüge durch die schwelgerischen, barocken Dekors des Schlosses, dann wiederum scheinen die Szenerien förmlich zu erstarren und einzufrieren. Letztes könnte vielleicht als Sinnbild für eine in Dekadenz und Ritualen erstarrte Gesellschaft zu verstehen sein.

"Letztes Jahr in Marienbad" dürfte die meisten Zuschauer komplett vor den Kopf stoßen und kapitulieren lassen, da der Film in sich weitestgehend unverständlich bleibt und eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten lässt. Die Erklärungsansätze und Interpretationsversuche anderer, die ich zu dem Inhalt dieses Werkes bei meiner Recherche im Netz gefunden habe, sind vielfältig und äußerst unterschiedlich und reichen von "Der Mann lügt und ist schlicht und einfach ein Schlawiner, die beiden haben sich niemals zuvor getroffen", über "Ey, krasse Anmache, muss ich mir merken", bis hin zu einer in der Vergangenheit stattgefundenen Vergewaltigung und einem damit einhergehenden Trauma und Gedächtnisverlust der Frau. Letztere unschöne Variante wird in dem Film auch zumindest angedeutet (und ist damit vielleicht auch verantwortlich für die mir ansonsten völlig unverständliche FSK-16-Freigabe), bleibt jedoch letztendlich genauso obskur und unerklärt wie vieles andere.

Ein Hingucker ist für mich definitiv neben der superben Kameraarbeit auch das barocke Ambiente. Beides verleiht "Letztes Jahr in Marienbad" einen wahrlich künstlerischen Anstrich. Der komplette Film spielt sich ausschließlich in dem besagten Schloss und der dazugehörigen Gartenanlage ab. Ich finde es fast schon schade, dass "Letztes Jahr in Marienbad" nur in schwarz-weiß vorliegt; wie gerne hätte ich den Film in strahlend bunten Farben gesehen. Aber auch so wirkt "Letztes Jahr in Marienbad" wie ein filmgewordenes Gemälde, allerdings ein höchst abstraktes, bei dem man sich die allseits bekannte Frage stellt, was der Künstler damit wohl aussagen wollte.

Interessante Randnotizen:

  • Kurioserweise taucht das titelgebende Marienbad, ein Kurort in Tcheschien, in dem Film kein einziges Mal auf. Die Kulisse im Film bilden die Schlossanlage in Schleißheim und Nymphenburg/Amalienburg im Kreis München, sowie ein Hotel bei Paris
  • In den Credits taucht als einer der Regieassistenten der junge Volker Schlöndorff auf
  • "Letztes Jahr in Marienbad" erhielt 1961, nachdem es anfänglich noch sehr kritisch und mit Unverständnis aufgenommen wurde, sich die Stimmung jedoch schnell in Begeisterung wandelte, den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig. Das Original-Drehbuch war zudem 1963 Oscar-nominiert
  • Der Film scheint auch heute noch eine so herausragende historische und künstlerische Bedeutung zu genießen, dass ihm eine aktuell in der Kunsthalle in Bremen stattfindende und noch bis März 2016 andauernde Ausstellung/Retrospektive gewidmet ist.

Alles in allem ist "Letztes Jahr in Marienbad" der erste Film überhaupt, bei dem ich mich davor scheue, eine Gesamtpunktwertung zu vergeben, da er bei mir völlig gegensätzliche Empfindungen hervorruft und den ich auch sicherlich nicht mehr allzuoft anschauen werde. Aus rein "unterhaltungstechnischer" Sicht müsste mein Urteil vernichtend ausfallen und sich im Rahmen von 0 bis 2 Punkten bewegen, zu schwer zugänglich, zu schwer verdaulich und unglaublich zäh wirkt "Letztes Jahr in Marienbad" auf mich.

Allerdings wäre es natürlich grundlegend falsch, den Film auf den Faktor "Unterhaltung" zu reduzieren. Selbst ein Banause wie ich konnte erkennen, dass "Letztes Jahr in Marienbad" exquisit gefilmt und gespielt ist und ein außergewöhnliches, in gewissem Maße auch reizvolles und filmhistorisch ungemein bedeutsames, experimentelles Werk ist, das nicht mit herkömmlichen Maßstäben gemessen werden kann. Ich bin insgesamt doch eher froh, dieses filmische Kunstwerk einmal gesehen zu haben. Meine subjektive Qualitätswertung dürfte sich somit irgendwo zwischen 8 und 10 Punkten einpendeln. Man muss jedoch definitiv die Bereitschaft, die richtige Tagesform und das entsprechende Durchhaltevermögen aufbringen, sich auf dieses, eine seltsame Faszination ausübende, filmische Experiment einzulassen. Wer das schafft und experimentellen, künstlerischen Filmen nicht per se schon ablehnend gegenübersteht, kann mit einer ungewöhnlichen Filmerfahrung belohnt (oder bestraft) werden, die lange nachwirkt und zum fleißigen Nachdenken und Diskutieren anregt.

Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Schachnovelle
Mynan
9/10
die neuesten reviews
Batman,
cecil b
9/10
My
Punisher77
7/10
Psycho
BigPokerKing
2/10
Nackt
dicker Hund
5/10
Psycho
BigPokerKing
6/10
Braindead
TheMovieStar
9/10
Bates
BigPokerKing
4/10

Kommentare

27.12.2015 19:50 Uhr - cecil b
4x
Moderator
User-Level von cecil b 19
Erfahrungspunkte von cecil b 7.202
Wenn DAS nicht mal ein interessantes Review ist! :)

Damit hast du sehr gekonnt ein Stück Filmgeschichte angesprochen, welches ich noch für mich entdecken kann! Und da ich 'interpretationswütig' bin, habe ich Lust darauf, eine für mich schlüssige Interpretation zu wagen. Alles zu seiner Zeit.

Und von wegen "Banause" ;)




27.12.2015 22:16 Uhr - Mynan
4x
User-Level von Mynan 7
Erfahrungspunkte von Mynan 625
Vielen Dank für die nette Rückmeldung. Es ist schön zu lesen, dass tatsächlich jemand die Muße hat, inmitten all der (berechtigten und mich sehr freuenden) Star-Wars-Review-Euphorie sich mit diesem "trockenen" Review-"Außenseiter" über einen eher schwierigen Film auseinanderzusetzen und die Review zu allem Überfluss auch noch gut zu finden. Auf Deine Interpretation zu gegebener Zeit bin ich sehr gespannt ;-)

27.12.2015 23:57 Uhr - KarateHenker
6x
DB-Helfer
User-Level von KarateHenker 9
Erfahrungspunkte von KarateHenker 1.066
Dir ist da im Schatten des allumgreifenden "Star Wars"-Hypes tatsächlich eine ganz famose Rezension zu diesem Überfilm gelungen! Sprachlich auf höchstem Niveau und auch auf argumentativer Ebene sehr fair und nachvollziehbar. Bitte mehr davon! ;-)

28.12.2015 06:50 Uhr - Mynan
3x
User-Level von Mynan 7
Erfahrungspunkte von Mynan 625
Vielen Dank, das Lob freut mich sehr.

28.12.2015 09:00 Uhr - NoCutsPlease
3x
DB-Helfer
User-Level von NoCutsPlease 23
Erfahrungspunkte von NoCutsPlease 12.137
Tolle Arbeit!
Den kenne ich noch nicht, aber da hat der Mynanomat wieder einen feinen Geheimtipp rausgehauen.
Wenn es aktuell nur noch "Star Wars"-Reviews geben würde, wäre das auch schnell eintönig.

28.12.2015 19:23 Uhr - Mynan
2x
User-Level von Mynan 7
Erfahrungspunkte von Mynan 625
Auch Dir ein etwas verspätetes, aber nicht minder dickes "Danke". Schön, dass das Review Anklang bei Dir gefunden und vielleicht ein bisschen Interesse an dem Film geweckt hat. Aber Vorsicht, "Letztes Jahr in Marienbad" ist wirklich sehr, sehr schwere Kost.

28.12.2015 19:27 Uhr - NoCutsPlease
4x
DB-Helfer
User-Level von NoCutsPlease 23
Erfahrungspunkte von NoCutsPlease 12.137
Das Witzige ist ja, dass ich angesichts des Titels zuerst mit so einem typischen "Der Sat 1 Film Film" gerechnet habe. :-D
Mein zweiter Gedanke sagte mir dann aber, dass uns Mynan nicht solch einen Mist servieren würde.

Die schwere Kost ist übrigens mMn genau das Reizvolle an der Sache. Ich lese schließlich auch gerne schwere Kost in Romanform.

28.12.2015 19:36 Uhr - Mynan
2x
User-Level von Mynan 7
Erfahrungspunkte von Mynan 625
Stimmt, jetzt, wo Du es sagst, der Titel hört sich tatsächlich so an, wie eine Sat 1-Schmonzette :-), ist aber tatsächlich das einzige, was man an dem Film als "gewöhnlich" oder "einfach" bezeichnen könnte. Ich bin jedenfalls gespannt, wie Dein Urteil ausfallen wird, wenn Du Dich an den Film herangetraut hast.

30.12.2015 12:11 Uhr - deNiro
2x
User-Level von deNiro 5
Erfahrungspunkte von deNiro 337
Klasse Review.

Wie beschreibt man einen Film der tatsächlich nur schwer zugänglich ist und einiges an Interpretationspotential bereit hält. Schwierig! Dir aber super gelungen!

30.12.2015 17:16 Uhr - Mynan
1x
User-Level von Mynan 7
Erfahrungspunkte von Mynan 625
Danke! Ich hatte auch vor allem das Problem, meine zwiespältigen Empfindungen zu diesem Film so zum Ausdruck zu bringen, dass die unbestreitbare Qualität und Bedeutung dieses Werkes einerseits deutlich wird, aber andererseits auch der unbedarfte Zuschauer vorgewarnt ist, was auf ihn zukommt. Mein Review sollte auf keinen Fall wie ein "Verriss" wirken, denn das wäre völlig unangemessen. Aber es scheint mir wohl gelungen zu sein ;-)

27.02.2016 13:55 Uhr - NoCutsPlease
1x
DB-Helfer
User-Level von NoCutsPlease 23
Erfahrungspunkte von NoCutsPlease 12.137
So, nun habe ich nach einigen Wochen auch endlich die passende Gelegenheit für "Letztes Jahr in Marienbad" gefunden! :-)

Deine Empfehlung hat sich auf jeden Fall gelohnt!
Es ist keinesfalls ein Film mit typischem "Unterhaltungswert", sondern eher ein höchst interessantes Expriment, bei dem man jede Minute gebannt verfolgt, um zu hoffen, dass man irgendeine Auflösung der Situation vorfindet.
Das Interview im Bonusmaterial hat mich übrigens in meinen Eindrücken bestätigt.

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)