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Ein Toter lacht als Letzter

Originaltitel: La Campana del Infierno

Herstellungsland:Frankreich, Spanien (1973)
Standard-Freigabe:FSK 18
Genre:Horror
Alternativtitel:Ab in die Hölle
Brut des Satans
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (5 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Juan, der das Erbe seiner verstorbenen Mutter antreten soll, wird vom Rest seiner Familie in die Nervenheilanstalt gebracht. Er wird kurz auf Probe entlassen, damit darüber entschieden werden kann, wem das Erbe nun zufällt. Diese Entlassung nutzt der junge Mann dazu, sich an seiner Tante Martha und ihren Töchtern zu rächen. Doch auch die haben vorgesorgt: Zusammen mit einem der Ärzte, die Juan behandeln, treiben sie ein teuflisches Spiel mit ihm. (NSM Film)

eine kritik von mynan:

Die späten 60' er und die 70' er Jahre brachten einige auf unterschiedliche Weise sehr bemerkenswerte Werke aus Spanien hervor. Zählen die "reitenden Leichen", die in der ersten Hälfte der 70' er Jahre ihr Unwesen trieben, noch zu den skurrilen und qualitativ etwas zwiespältigeren Vertretern, die dem geneigten Filmfan hier als erstes in den Sinn kommen dürften, gibt es darüber hinaus jedoch noch diverse nicht ganz so bekannte Filmperlen, deren (Wieder-)Entdeckung sich auf jeden Fall lohnt. Exemplarisch genannt seien hier "Das Versteck" aus dem Jahr 1969 und "Ein Kind zu töten" aus dem Jahr 1976, siehe hierzu auch jeweils die tollen Reviews von Insanity667.

Ein weiterer, sehr empfehlenswerter Beitrag aus dieser Zeit ist "La campana del infierno" aka "Ein Toter lacht als Letzter" oder auch als "Ab in die Hölle" bekannt. "La campana del infierno" entstand im Jahr 1973 unter der Regie von Claudio Guerin Hill und stellte zugleich sein letztes Werk in seiner sehr kurzen Filmografie dar, er starb am letzten Drehtag unter sehr dramatischen Umständen im Alter von nur 34 Jahren, doch dazu später mehr.

Zentrale Figur des Films ist der junge Juan (Renaud Verley), der nach Jahren in der Psychiatrie einen zeitlich begrenzten Freigang erhält, während dem endgültig über seine von seiner Tante Marta (Viveca Lindfors) betriebene Entmündigung und die Erbschaftsangelegenheit seiner verstorbenen Mutter entschieden werden soll. Dieses Zeitfenster will Juan für sich nutzen, um sich an seiner Tante und seinen drei Cousinen zu rächen, die in seinen Augen für den Suizid seiner Mutter und seinen Aufenthalt in der Psychiatrie maßgeblich mitverantwortlich sind. Doch die bucklige Verwandschaft ist nicht gänzlich unvorbereitet, und ein perfides Katz- und Maus-Spiel beginnt, bei dem jeder der Beteiligten scheinbar immer noch ein As im Ärmel hat.

Regisseur Claudio Guerin Hill schuf hier ein recht komplexes Werk, das nicht ganz leicht zu kategorisieren ist und zunächst wohl am ehesten als Psychothriller/Rachefilm mit Horroranleihen umschrieben werden kann. Wäre dies ein italienischer Film, würde man ihn vermutlich auch als "Giallo" bezeichnen. "La campana del infierno" ist jedoch insgesamt noch viel mehr und darf sicherlich auch als gesellschaftskritisches Werk und als bissiger, von der Franco-Diktatur beinflusster Kommentar bzw. als bitterböse Kritk an einer bigotten, traditionell erstarrten und verkommenen Gesellschaft betrachtet werden. Die Gesellschaft in der bis 1975 andauernden Zeit der Franco-Diktatur war geprägt von sehr traditionellen Moralvorstellungen, gerade auch, was die Rolle der Frau anbetraf, einem streng konservativen Katholizismus und eben dem Bestreben, die nationalistischen, konservativ-katholischen und patriarchalischen Elemente besonders in den unteren und mittleren Bevölkerungsschichten fest zu verankern und abweichende, unangepasste, "anarchische" Bestrebungen gesellschaftlich zu ächten. Dem inbesondere gegen Ende der Franco-Diktatur in weiten Teilen der Gesellschaft immer stärker aufkeimenden Wunsch nach Demokratisierung und gesellschaftlichem Wandel konnte diese Ideologie jedoch schlussendlich nichts mehr anhaben. Nach dem Tode Francos setzte dann auch der überfällige und herbeigesehnte Prozess der Demokratisierung ein.

Sieht man "La campana del infierno" vor diesem Hintergrund, wird man erkennen, dass der Film wie ein gesellschaftliches Spiegelbild der damaligen Zeit wirkt und von entsprechenden gesellschaftskritischen und ausgesprochen pessimistischen Andeutungen durchzogen ist. Die konservativen, frömmlerischen Bewohner des Dorfes dulden keine unangepassten Subjekte wie Juan und seine Mutter, nehmen es andereseits jedoch selbst mit moralischen Grundsätzen nicht ganz so genau, wie die versuchte Entmündigung von Juan inklusive Bestechung des behandelnden Arztes, Erbschleicherei, sowie die versuchte Vergewaltigung einer Minderjährigen durch vier angesehene Dorfbewohner dem Zuschauer exemplarisch und unangenehm vor Augen führt.

Die Figur des Juan bleibt für den Zuschauer stets ambivalent. Die Unsicherheit von Juan im Film, ob er denn tatsächlich verrückt ist, überträgt sich auf den Zuschauer, der bis zum Schluss über diese Frage im Unklaren gelassen wird. Ist Juan anfangs noch als Opfer übler Machenschaften zu sehen, dessen makabre Scherze man belustigend finden und dem man durchaus Sympathie und Verständnis für sein weiteres Vorhaben entgegenbringen kann, wandelt sich dies im weiteren Verlauf ins Gegenteil, als Juan wahrlich kaltblütig zur Tat schreitet. Das hierfür notwendige "Rüstzeug" holt sich Juan als Arbeiter in einer Schlachterei. Die dortigen grausamen Szenen, in denen Rinder geschlachtet werden und Hauptdarsteller Renaud Verley hier augenscheinlich selbst mit Hand anlegt, sind optisch und auch akustisch ganz starker Tobak, kaum zu ertragen und dürften den ein oder anderen Schnitzelfreund seine Eßgewohnheiten vielleicht noch einmal überdenken lassen. Und als Juan seinem Arbeitgeber schließlich mit dem Satz "Ich habe genug gelernt" kündigt und sich aufmacht, seinen Racheplan in die Tat umzusetzen, dann verursacht dies zweifellos bei dem Zuschauer ein ungutes Gefühl und man kann ahnen, was da noch kommen mag.

Gleichwohl ist "La campana del infierno" natürlich kein "Schlachtfest" im effekttechnischen Sinne. Der Film setzt zuvorderst auf eine spannende, sich klug entfaltende Geschichte, auf Atmosphäre und detaillierte, langsam und sorgfältig erfolgende Charakterzeichnungen, also beileibe kein Film für heutige Sehgewohnheiten. Drastische Effekte gibt es nahezu keine, jedoch wirkt der Film trotz einiger schwarzhumoriger Elemente durchgehend morbide, roh, kalt und grausam, und das Verhalten nahezu aller Protagonisten außerordentlich niederträchtig. All das und die Tatsache, dass man als Zuschauer zumindest vorübergehend Sympathie und Wohlwollen für Juan aufbringen kann und dieser somit phasenweise als Identifikationsfigur fungiert, mag in seiner Gesamtheit möglicherweise dazu geführt haben (ohne, dass ich dies gutheißen möchte), dass "La campana del infierno" seit 1984 sein Dasein auf dem deutschen Index fristen muss und 2009 gar folgeindiziert wurde.

Die Darsteller machen ihre Sache für mein Empfinden gut, allen voran natürlich Renaud Verley (Die Verdammten, 1969, Die Verdächtigen, 1974), der seine ambivalente Rolle jederzeit glaubhaft verkörpert und seine eigene Unsicherheit über seinen Geisteszustand für den Zuschauer spürbar macht und der es schafft, dass der Zuschauer zwischen Sympathie, Mitgefühl, Verständnis und Abscheu pendelt, was seine Figur des Juan angeht. Als kalte, verbitterte und skrupellose Tante Marta agiert Viveca Lindfors (Zandalee, 1991, Stargate, 1994) ebenso überzeugend, wie die drei Cousinen von Juan, u.a. dargestellt von Maribel Martin (The Blood Spattered Bride, 1972).

Die musikalische Untermalung von Adolfo Waitzman ist spärlich, aber nicht unpassend. Immer wieder ertönt zudem das Kinderlied "Frère Jaques", das im jeweiligen Kontext jedoch ganz und gar nicht als liebreizend von dem Zuschauer wahrgenommen wird. Für die kalten, atmosphärischen, die morbide Faszination dieses Werkes noch verstärkenden Bilder zeichnete Kameramann Manuel Rojas verantwortlich.

Regisseur Claudio Guerin Hill kam am letzten Drehtag von "La campana del infierno" ums Leben: er stürzte unter ungeklärten Umständen von dem Turm der Kirche, die im Film immer wieder ins Bild gerückt wird und die gegen Ende des Films eine wichtige, makabre Rolle einnehmen wird. Ich habe hier widersprüchliche Aussagen gefunden, in denen es entweder heißt, er habe Selbstmord begangen, oder es handele sich um einen Unfall. Wie auch immer, diese Begleitumstände und der Gedanke, hier dem filmischen Vermächtnis von Claudio Guerin Hill beizuwohnen, lässt den Zuschauer noch zusätzlich frösteln.

Alles in allem ist "La campana del infierno" eine spannende, bildgewaltige, atmosphärische, makabre, aber auch etwas rätselhafte Filmperle, bei der ob seiner Vielschichtigkeit und dem ambivalenten Hauptcharakter durchaus wiederholtes Ansehen anzuraten ist. Punktabzüge gibt es für die (wenigen) Längen und den oben geschilderten "Tiersnuff", der in dieser heftigen Form für mich ein absoluter Runterzieher war, vielleicht jedoch als spannungsfördernd-notwendig angesehen werden muss. Insgesamt ist "La campana del infierno" jedoch absolut empfehlenswert, ist zu Unrecht etwas in Vergessenheit geraten und war bis vor kurzem nicht ungekürzt auf deutsch erhältlich. Diesen Umstand hat Colosseo Film/NSM mit einer kürzlich erschienenen DVD geändert, so dass sich für den interessierten Filmfan jetzt eine aktuelle Möglichkeit bietet, den Film ungekürzt in deutsch und mit annehmbarer Qualität (jedoch leider auch sehr magerem Bonusmaterial) genießen zu können.

8/10
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Kommentare

12.01.2016 23:00 Uhr - Angertainment
3x
DB-Helfer
User-Level von Angertainment 15
Erfahrungspunkte von Angertainment 3.893
Wow, ich bin gerade echt angefixt.
Sehr schöne Review, glaube ich habr hier echt einen wichtigen Film übersehen. Die Auswahl deiner Rezensionen ist sehr vielfältig, Klasse!

12.01.2016 23:50 Uhr - NoCutsPlease
2x
DB-Helfer
User-Level von NoCutsPlease 23
Erfahrungspunkte von NoCutsPlease 12.137
Mynans Reviews lohnen sich immer, denn man weiß, dass er keine Gurken bespricht, seine Texte stets gut geschrieben sind und die Titelauswahl einem angenehmen Überraschungspaket gleicht.

13.01.2016 06:14 Uhr - Insanity667
2x
DB-Helfer
User-Level von Insanity667 11
Erfahrungspunkte von Insanity667 1.781
Da bleibt einem glatt die Spucke weg! Ein Traum von Review zu einem weiteren, großartigen Südländer, sogar mit ehrendem Verweis auf Reviews von mir (O.o) , dankeschön. :) Ich würde ihn ebenfalls nicht unbedingt als Giallo bezeichnen sondern auch eher mehr als, sagen wir Psychodrama (?) welches gesellschaftskritisch in eine ähnliche Kerbe schlägt wie "Ein Kind zu töten..." (Position in der Gesellschaft, die gebeutelten Glieder rächen sich etc.) nur eben in einem anderen, weniger kontroversen und kleineren Rahmen aufgezogen, mit einem größeren Horror Anteil. Auf jeden Fall genial auf den Punkt rezensiert! Davon darf es ruhig mehr sein! ;)

13.01.2016 08:11 Uhr - dicker Hund
2x
User-Level von dicker Hund 17
Erfahrungspunkte von dicker Hund 5.134
Tolle Besprechung, die richtig Lust auf den Film macht!

13.01.2016 18:13 Uhr - Mynan
2x
User-Level von Mynan 7
Erfahrungspunkte von Mynan 625
Vielen Dank an Euch alle für das nette und positive Feedback. Ich selbst bin eigentlich erst durch eine Meldung über die DVD-Veröffentlichung vor ein paar Monaten hier auf schnittberichte so richtig auf diese Filmperle aufmerksam geworden. Dafür auch an dieser Stelle ein dickes Dankeschön an schnittberichte und seine vielen fleißigen Helferlein ;-)

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