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The Voices

Herstellungsland:USA, Deutschland (2014)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Drama, Komödie, Krimi, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,06 (17 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Gegen den Rat seiner Therapeutin setzt der hochgradig schizophrene Jerry (Ryan Reynolds) seine Medikamente ab – mit entsetzlichen Folgen. Das erste Opfer wird Arbeitskollegin Chloe (Gemma Arterton). Haarsträubenderweise animiert ihn seine sprechende Katze zu einem weiteren Mord. Und die Gelegenheit dazu kommt früher, als man denkt. Bald füllen Leichenteile Jerrys Kühlschrank … (Ascot Elite, Internetseite)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von argamae:

Da es etwas schwierig ist, diesen Film mit Worten in den Griff zu kriegen, schwafele ich erstmal ein wenig über Ryan Reynolds. Zunächst einmal: dieser Kerl war 3 Jahre mit einer der heißesten Frauen Hollywoods liiert, Scarlett Johansson. Lucky Bastard! Und ich denke, nicht nur ich habe ihn anfangs unterschätzt - abgestempelt als Schönling. Doch je mehr ich von ihm sah, desto mehr mochte ich auch seine darstellerischen Fähigkeiten. Als "Deadpool" - eine Rolle, die er ja bald wieder annehmen wird - in X-MEN ORIGINS: WOLVERINE gewann er bei mir durchaus an Kredit und mir gefiel er auch in GREEN LANTERN, ein Film, den die meisten meiner Freunde eher zu den schlechten Superhelden-Verfilmungen zählen. Reynolds funktioniert dank seines blendenden Aussehens wunderbar in Schwiegersohn-Rollen oder Romantikkomödien, aber da ist eine leicht schräge Seite an ihm, ein Durchblitzen von "Geekiness" und knapp unter der Oberfläche brodelnden Wahnsinns.

Und genau diese schräge Seite, die in seinen Augen und in seinem Spiel irrlichtert, die darf er in THE VOICES in seiner Rolle als Jerry aber mal sowas von ausspielen! Und damit hätte ich mich nun an diesen alles andere als leicht einzuordnenden Film herangetastet und einen mehr oder weniger gelungenen Bogen geschlagen (ihr entscheidet).

Man könnte mal bei der deutschen Bluray-Verpackung von Ascot Elite Entertainment anfangen bzw. bei dessen Wirkung. Da wird nämlich versucht, den Film als eine blutige Romantikkomödie anzupreisen. Mit "Böser Spaß mit Kultpotenzial" als Zitat aus der Zeitschrift Maxi wird da geworben, mit "Ein kunterbuntes Kino-Wunder" wird ein anderes Magazin zitiert und "Schwarzer Humor, Spitzenstars und sprechende Tiere: knallbunter Spaß!" wirbt Treffpunkt Kino. Wow. Nichts davon empfinde ich als wirklich zutreffend, aber alles als irgendwie irreführend.

THE VOICES ist unter seiner Fassade ein bitteres, krasses Persönlichkeitsprofil eines zutiefst traumatisierten und schizophrenen Menschen, daß man kandiert und dann mit Konfetti besprenkelt hat. Es ist ein Film über einen Irren, der sich nach Liebe und Normalität sehnt, dabei aber ein paar höchst fragwürdige und zumindest gesellschaftsmoralisch absolut falsche Entscheidungen trifft. Von den im Widerspruch mit dem Gesetz stehenden mal ganz zu schweigen.

Während man sprechende Tiere ja aus familienfreundlichen Komödien liebgewonnen hat, sollte einem hier mit fortschreitender Laufzeit aber langsam das Lachen im Halse steckenbleiben. Seine beiden Hausgenossen, der Hund "Bosco" sowie der Kater "Mr. Whiskers", spiegeln die beiden Persönlichkeitsextreme des Protagonisten wider und artikulieren sie für den Zuschauer durch entsprechende Mundbewegungen. Und das funktioniert fantastisch: Bosco ist der gutmütige, den Gesellschaftsvorstellungen von "gut" und "anständig" entsprechende Part von Jerry, der gern funktionieren und akzeptiert werden will. Mr. Whiskers hingegen spiegelt das Wilde, das Instinktive wider, jene Seite, die impulsgetrieben und triebgesteuert ist. Im Original wie in der Synchrofassung werden sie dabei alle von Ryan bzw. seinem deutschen Sprecher gesprochen - eine kleine Glanzleistung, da sich die drei Stimmen wirklich sehr unterscheiden.

Aber Jerrys Sicht auf die Welt wird noch durch einen anderen filmischen Kniff sehr gut visualisiert. Unter dem Einfluss der Holzhammer-Pharmaka, die ihn "sozial verträglich" machen, erscheint ihm seine Umwelt so, wie alle anderen Menschen sie wahrnehmen: als die kleine, trostlose Kleinstadt Milton mit dumpfer Zukunft. Doch wenn er die Medikation absetzt, sieht auch der Zuschauer die Welt aus Jerrys "selektiver" Sicht: bunt, sauber, warm, lichtdurchflutet und willkommen heißend. Besonders krass und deutlich wird dies bei ihm zuhause, einer leerstehenden Bowlingbahn, sowie an seinem Arbeitsplatz, einem Badewannen-Produktionsbetrieb, umgesetzt. Kein Wunder also, daß Jerry sich schon bald entschließt, die Tabletten nie mehr zu schlucken. Mit ihnen wird er mit seinem verdreckten Heim konfrontiert, ohne sie spürt er das Leben, die Farben und seine Gefühle.

Und seine Gefühle erwachen für seine Arbeitskollegin Fiona (unbeschreiblich hinreißend: Gemma Arterton), die er bei einem Firmenausflug näher kennenlernt. Als sich dann eines Abends die Gelegenheit für ihn ergibt, Fiona nach Hause zu fahren, überschlagen sich die Ereignisse (im wahrsten Sinne des Wortes) und seine Kollegin stirbt. Jerry macht sich schwere Vorwürfe und anschließend eine Menge Arbeit, um Fiona häppchenweise zu zerlegen und abzutuppern. Ihren Kopf bewahrt er im Kühlschrank auf. Und schon darf eine dritte Stimme aus Jerrys vollkommen vermurkstem Hirn durch ihre wundervollen Lippen sprechen. Sein psychotherapeutisch betreutes Leben gerät massiv in die Schieflage, denn nun wird der sympathische Lagerarbeiter nur noch mehr zum Spielball seiner Schizophrenie - und der Zuschauer Zeuge einerseits tiefschwarzen Humors und andererseits fatal-furchtbarer Einbahnstraßen seelischer Abgründe.

THE VOICES schaffte es, mich abwechselnd zu packen und abzustoßen. Man möchte so gern, daß Jerry Glück in seinem Leben hat. Doch man muss wieder und wieder ohnmächtig in den Strudel der Abwärtsspirale blicken, die ihn mit ihrem Sog gefangen hält. Dabei wird die Mixtur aus bunten, musikalisch beschwingt unterlegten Szenerien und Einblicken in Jerrys kaputt getrampelte Seele so gekonnt serviert, daß man echtes Mitleid mit ihm empfindet, aber gleichzeitig über die Absurdität einzelner Momente laut lachen muss. Anders als etwa in AMERICAN PSYCHO verachtet man Jerry nicht, da seine Handlungen nicht von einer tief verwurzelten Boshaftigkeit, gesellschaftlichen Langeweile, Narzissmus oder Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen angetrieben werden.

Tja, okay, mir fällt es immer noch schwer, den Film für mich irgendwo einzuordnen. Aber weiter möchte ich ihn nun auch gar nicht erklären oder analysieren. Am Ende kann ich nur sagen, daß ich zwar wirklich nicht geahnt habe, was mich hier erwartet, aber ich mich in den Film hineingezogen fühlte. Der Schluß hat dann gleichzeitig etwas Erlösendes wie auch angenehm Versöhnendes (mit einem Hauch von THE BIG LEBOWSKI obendrauf: "Jerry finally saw what condition his condition was in").

Keine Ahnung, ob meine Sichtweise auf und mein Verständnis von THE VOICES ultimativ dem Wollen seiner Regisseurin entsprechen, aber das ist vermutlich auch egal. So, wie ich ihn "gesehen" habe, fand ich ihn ausgesprochen gelungen. Your mileage may vary. Empfehlen tue ich ihn trotzdem.

8/10
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Kommentare

30.01.2016 15:47 Uhr - Insanity667
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Review: Granatenmäßig gut!
Film: Granatenmäßig gut! 8/10 sind absolut angemessen!

Ich für meinen Teil habe "The Voices" sehr genossen, wobei ich ihn ebenfalls mehr als derbes und nachdenkliches Psychodrama einordnen würde und nicht als Komödie! Gemma und Mr. Whiskers sind der absolute Knaller! :D

30.01.2016 16:46 Uhr - Dimetrodon12
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Ein klasse Review. Ich würd dir in allen Punkten zustimmen und auch mit der Punktevergabe gleichziehen. Ich finde es richtig cool, wie du den Film analysiert hast und auf die irreführenden Kommentare hingewiesen hast. Goßes Lob.

P.S. Die Katze ist echt der Hammer :D

30.01.2016 18:16 Uhr - Argamae
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Ich bedanke mich für den bisherigen Zuspruch. Habe mich mit einem Review zu diesem Film wirklich schwer getan.

30.01.2016 18:51 Uhr - dicker Hund
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@ Argamae
Na, dann hat sich die Mühe ja gelohnt. Ich bin jetzt richtig neugierig...

30.01.2016 19:45 Uhr - NoCutsPlease
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In puncto Sprachgewandtheit eine deiner besten Arbeiten!
Den Film kenne ich noch nicht, aber Jasons Review klang dahingehend auch schon recht ansprechend.

Das Adjektiv "argamaetisch" gehört langsam echt in den Duden!

30.01.2016 21:23 Uhr - Argamae
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Ja, ich habe Jasons Review selbstverständlich auch gelesen und fand es sehr gut. Habe auch bei ihm vor Ort kommentiert. Aber da ich in Bescheidenheit erzogen wurde, kann ich natürlich den Duden-Eintrag nicht annehmen. Die Gebummfidelung ist allerdings gelungen - schönen Dank! ;)

Freut mich, wenn das Review Interesse erzeugt hat, den Film sehen zu wollen.

31.01.2016 14:43 Uhr - Insanity667
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Was ist denn Gebummfidelung? Steh ich gerade auf dem Schlauch? :D

31.01.2016 22:25 Uhr - Argamae
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31.01.2016 14:43 Uhr schrieb Insanity667
Was ist denn Gebummfidelung? Steh ich gerade auf dem Schlauch? :D


Die Substantivierung von "gebummfidelt sein". Heißt soviel wie "geschmeichelt sein" oder "sich am Bauch gepinselt" fühlen. ;)

01.02.2016 08:21 Uhr - NoCutsPlease
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Da es jenes heiß diskutierte Wort in den Duden geschafft hat, sollte "argamaetisch" auch nicht das Problem werden.

Interessierte Leser sollten jedoch nach "gebumfiedelt" suchen, denn unter "gebummfidelt" wird man nicht fündig.

01.02.2016 11:55 Uhr - Argamae
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01.02.2016 08:21 Uhr schrieb NoCutsPlease
Interessierte Leser sollten jedoch nach "gebumfiedelt" suchen, denn unter "gebummfidelt" wird man nicht fündig.


ER nun wieder! Pah! Das zweite "m" ist eine regional gefärbte Ausbildung. So. ;)

02.02.2016 18:14 Uhr - Insanity667
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Hehe, wieder was gelernt! :D

17.08.2017 01:40 Uhr - Der Todesking
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Sehr gute Review! Film gerade gesehen, ebenfalls sehr gut! 8/10 auch von mir.

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