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Koukou Kyoushi

Herstellungsland:Japan (1993)
Genre:Drama, Liebe/Romantik
Alternativtitel:Kōkō Kyōshi
Kou Kou Kyoushi
Koukou Kyoushi 1993
High School Teacher
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (1 Stimme) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Selbst bei jemandem wie mir, der immer aktiv Ausschau nach interessanten Werken aus Fernost hält, dürfte sich sicherlich die Frage stellen, wie man auf die Idee kommt, sich ein japanisches Fernsehdrama aus dem Jahr 1993 (meinem Geburtsjahr übrigens) anzuschauen. Das läßt sich aber relativ leicht beantworten: Ich bin ein großer Fan von Dōji Morita, einer japanischen Psychedelic-Folk-Sängerin, die in den 70er- und 80er-Jahren aktiv war, ausschließlich mit Perücke und Sonnenbrille verkleidet auftrat und Lieder über Tod, Einsamkeit und Trauer sang, ehe sie nach ihrem sechsten Album 1983 komplett untertauchte und seither nie ein Comeback gewagt hat. Bei der Produktion ihrer Alben halfen des Weiteren auch Größen wie J.A. Seazer, der Hausmusiker Shūji Terayamas, mit, was wieder einmal verdeutlicht, wie eng geflochten das Netzwerk der japanischen Avantgarde doch ist.

Die Lieder jener Frau Morita wurden für die Produktion dieses Dramas wiederentdeckt, sowohl für das Titellied als auch zur Untermalung dramatischer Szenen. Dieser Umstand führte sogar dazu, daß Morita anno 1993 in den japanischen Charts auftauchte, war die Serie doch ein großer Erfolg. Zehn Jahre später, 2003, wurde eine Art spirituelle Nachfolgeserie unter demselben Titel ausgestralt, wieder von denselben Machern und wieder mit Morita Dōjis Musik, und abermals gelangte die Sängerin wieder ins öffentliche Bewußtsein -- in der folgenden Kritik möchte ich jedoch ausschließlich die Serie von 1993 behandeln. Wer sich übrigens ein Bild von der Musik machen möchte, kann sich hier die beiden häufigsten Titel anhören: youtu.be/_ceu4TEEfUU (übersetzt: "Unser Versagen" und "Obwohl du ein Mann bist, hast du für mich geweint").

Und ich muß zugeben, daß ich wirklich überrascht war: Kōkō Kyōshi ("Der Gymnasiallehrer") entwickelte sich, trotz seiner anfänglich nüchternen, konventionellen Herangehensweise, zu einem unglaublich starken, emotional fesselnden Psychodrama, wie ich es auch bei Spielfilmen selten erleben durfte. Etwas überspitzt formuliert: Was in Sachen graphischer Gewalt etwa ein Serbian Film oder ein I Saw the Devil, war für mich in Sachen emotionaler Gewalt diese Serie.

Die Rahmenhandlung ist relativ simpel: Ein engagierter und talentierter Biologe, Hamura (Hiroyuki "Henry" Sanada, bekannt aus diversen Actionfilmen der 80er, dem Horrorklassiker The Ring und mittlerweile auch in Hollywood aktiv), beginnt als Lehrer an einem Mädchengymnasium und wird bereits am ersten Tag von einer Schülerin, Mayu (Sakurai Sachiko), umschwärmt. Er selbst führt eine äußerst unbefriedigende Beziehung mit der Tochter seines Professors, die er hauptsächlich aus Karrieregründen führt, und so kommt es, daß sich die Beziehung zu Mayu, die nicht locker läßt, nach und nach vertieft. Er freundet sich zudem mit einem sozial ungeschickten aber gutherzigen Sportlehrer aus Osaka an, der Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern äußerst kritisch gegenüber steht. Als sich schließlich herausstellt, daß seine Verlobte ihn systematisch betrügt, vertieft sich seine Liebe zu Mayu, doch auch jene trägt ein sehr düsteres Geheimnis mit sich herum.

Da es sich um eine Fernsehserie mit 13 Folgen à 45 Minuten handelt, treten natürlich noch viele weitere Charaktere auf, die in nicht minder fesselnden Nebenhandlungen thematisiert werden. So etwa der äußerst beliebte Englischlehrer Fujimura, der sich als systematischer Kinderschänder herausstellt und Mayus beste Freundin, die aufgestellte und stets positive Naoko, mit Filmaufnahmen ihrer eigenen Vergewaltigung erpreßt(!), oder eine von ihrem Liebhaber mißhandelte Frau, mit der sich Mayu anfreundet und die sich schließlich auf brutale Weise ihr Leben nimmt.

Die 90er-Jahre gelten in Japan als eine Zeit der sozialen Tristesse: Nach den wilden 80er-Jahren, in denen das Land dank einer Wirtschaftsblase (die sog. Bubble-Zeit) unermeßlich reich war, traten infolge der rapiden Deflation am Anfang des neuen Jahrzehnts die gesellschaftlichen Probleme, die sich bereits lange zuvor abzeichneten, umso stärker ans Tageslicht. Das komplexe japanische Beschäftigungsmodell funktionierte ebenfalls nicht mehr, was zu einer großen Perspektivlosigkeit insbesondere der jüngeren Bevölkerung führte, die bis heute anhält.

Auch wenn die volle Wucht der Krise erst ab Mitte der 90er-Jahre spürbar wurde, möchte ich Kōkō Kyōshi gerne in diesen Zusammenhang stellen, denn der Hauptverantwortliche für diese Serie, Drehbuchautor Nojima Shinji, thematisiert hier beinahe jeden Mißstand der japanischen Gesellschaft aufs Brutalste: Abhängigkeitsverhältnisse, Prostitution, Betrug, Scheidung, Arbeitsverlust, Vergewaltigung, Inzest, Suizid, was man sich nur ausmalen kann. Nichts wird hier verharmlost, aber gleichzeitig auch nichts verurteilt. Insbesondere der Englischlehrer Fujimura (grandios: Rockstar Masaki Kyōmoto) ist eine der fiesesten, abscheulichsten Figuren, die ich je in einem Film oder Drama erleben durfte. Fujimura stellt sich als kompletter Psychopath heraus, der alle Frauen dieser Welt für sein persönliches Liebesunglück verantwortlich macht und sich selbstherrlich das Recht nimmt, Schülerinnen zu vergewaltigen und zu terrorisieren (so taucht er etwa mitten in der Nacht in Naokos Zimmer auf und verprügelt sie aufs Brutalste) -- und dennoch hat auch dieser Charakter eine eigene Geschichte, die ihn nicht bloß zum Monster macht, sondern zum Menschen. Umso brutaler, als ihm die anderen Lehrer auf die Schliche kommen, jedoch nichts daran ändern können, da sie Naoko dadurch beschützen wollen...

Ohne zuviel verraten zu wollen, spielt auch Mayus eigene Familie eine zentrale Rolle in dieser Serie: Da sich ihre Mutter vor Jahren das Leben genommen hat, lebt sie mit ihrem Vater, einem angesehenen Bildhauer, zusammen. Doch seine manische Liebe zur eigenen Tochter, die er wie eine Art Ersatz-Ehefrau behandelt, ist garantiert nicht das, was sich ein junges Mädchen wünscht. Im Showdown sieht er sich schließlich mit Lehrer Hamura konfrontiert, und für mindestens einen der beiden endet die Begegnung mit dem Tod.

Wie bereits erwähnt, ist die Serie im Großen und Ganzen von der Machart her recht konventionell, doch gerade durch die Musik Dōji Moritas, die in manchen Szenen wie eine Atombombe einschlägt und selbst den härtesten Zuschauer zu Tränen rühren dürfte, die hervorragend geschriebenen Haupt- und Nebencharaktere sowie das außergewöhnliche Schauspiel der Darsteller, die teilweise völlig entgegen ihrer sonstigen Rollenbilder gecastet wurden, machen Kōkō Kyōshi zu einem kleinen, äußerst düsteren Meisterwerk, wie man es in Europa garantiert niemals als Sonntagsdrama(!) ausstrahlen würde.

Leider ist die Serie auf offiziellem Weg so gut wie unmöglich zu erwerben: In Japan erschien die Serie meines Wissens nach nicht einmal auf DVD, lediglich auf VHS kann man sie sich kaufen oder ausleihen. Aber Google ist in diesem Fall dein Freund, und zwar ein äußerst zuverlässiger. Wer durch diese Kritik also Lust bekommen hat, sollte nicht lange zögern. Es lohnt sich wirklich und fesselt von der ersten bis zur letzten Minute.

9/10
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Kommentare

05.04.2016 02:07 Uhr - KarateHenker
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Ohja, das liest sich äußerst interessant. Da muss ich definitiv mal reinschauen, wenn ich zeitlich dazu komme. Besten Dank für den Tipp! ;-)

05.04.2016 08:25 Uhr - NoCutsPlease
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Das klingt wirklich mal wieder sehr interessant und nach schwerer Kost!
Ich habe hier im Laufe der Jahre zwar schon mindestens dreimal lesen dürfen, dass du Jahrgang 1993 bist, aber das schränkt ja nicht die Qualität deiner sehr gelungenen Rezension ein. ;-)

06.04.2016 01:06 Uhr - Laughing Vampire
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Das hört man doch gerne. Besten Dank. ;)

Ich bin hier wohl mindestens 10 Jahre unter dem Altersdurchschnitt, aber das hat ja manchmal auch seine Vorteile, etwa wenn ich mich ohne Nostalgie und Kindheitserinnerungen an Werke vor meiner Zeit heranwagen kann. Manchmal hätte ich gewisse Zeiten jedoch gerne selbst miterlebt.

06.04.2016 09:36 Uhr - cecil b
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Deine Leidenschaft für den asiatischen Film gibt deinen Reviews in der Regel noch eine gute Würze. Und dass du diese toll verfasst, sehr interessante Filme besprichst, und wissenswerte Informationen lieferst, das wissen hier schon viele. Glücklicherweise. :)

So einen harten Stoff finde ich besonders interessant, ehrlich gesagt. :)

Thema Mißstand der japanischen Gesellschaft: Miikes Visitor Q finde ich dies bezüglich hochinteressant, und verdammt verstörend. Angenehm komische Kontroverse deluxe.

06.04.2016 09:36 Uhr - cecil b
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Deine Leidenschaft für den asiatischen Film gibt deinen Reviews in der Regel noch eine gute Würze. Und dass du diese toll verfasst, sehr interessante Filme besprichst, und wissenswerte Informationen lieferst, das wissen hier schon viele. Glücklicherweise. :)

So einen harten Stoff finde ich besonders interessant, ehrlich gesagt. :)

Thema Mißstand der japanischen Gesellschaft: Miikes Visitor Q finde ich dies bezüglich hochinteressant, und verdammt verstörend. Angenehm komische Kontroverse deluxe.

11.04.2016 00:41 Uhr - Laughing Vampire
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Visitor Q habe ich tatsächlich noch nicht gesehen! Sollte ich also mal in Angriff nehmen... Bei Miike weiß man ja nie so genau, was die Filme taugen, manchmal sind sie hervorragend, dann wieder stinklangweilig. Klingt aber interessant. :)

Und ja, ich liebe solche Geschichten auch. Echte Mißstände, Probleme, Ängste und Hoffnungen faszinieren mich beim Film viel mehr als irgendwelche rein fantastischen Stoffe, wobei man natürlich alles kombinieren kann (was dann nicht selten zu echten Meisterwerken führt). Sag mir ruhig deine Meinung, wenn du hier mal reingeschaut hast, würde mich interessieren!

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