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Der Mieter

(Originaltitel: Le Locataire)
Herstellungsland:Frankreich (1976)
Standard-Freigabe:FSK 18
Genre:Thriller, Mystery
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,36 (14 Stimmen) Details
inhalt:
Ein Apartment mit dunkler Vergangenheit in einem Haus voller leicht unheimlicher Bewohner: Das ist die Bühne von Roman Polanskis fesselnden Thriller "Der Mieter". Polanski spielt Trelkovsky, einen stillen, schüchternen Angestellten, dessen unspektakuläres Leben nach dem Einzug in die neue Wohnung zunehmend von dunklen Ängsten überschattet wird. Auch die anderen Hausbewohner tragen nicht gerade dazu bei, seinen Verfolgungswahn zu mildern. Immer tiefer verstrickt er sich in seine Fantasien über das tragische Schicksal seines Vormieters. Ist Trelkovskys Furcht wirklich berechtigt - oder ist alles nur krankhafte Einbildung?
eine kritik von nocutsplease:

Roman Polanski, ein gebürtiger Pariser polnischer Herkunft, zählt zu jenen europäischen Filmemachern, die es beiderseits des Atlantiks zum Erfolg bringen konnten. Titel wie Der Pianist (2003 Oscar in der Kategorie Beste Regie und Nominierung als Bester Film), Rosemaries Baby (1969 Nominierung für das Beste adaptierte Drehbuch), Chinatown und Tess (1975 bzw. 1981 Nominierung für die Beste Regie) genießen seit Jahrzehnten bei einem breitem Publikum hohes Ansehen und auch neuere Werke wie Der Gott des Gemetzels treffen nach wie vor auf Gegenliebe. Da sich Polanski seit 1978 rund drei Jahrzehnte lang auf der Flucht vor der US-amerikanischen Justiz befand, konnte er während dieser Zeit an keiner Oscar-Verleihung persönlich bewohnen und somit auch nicht die Auszeichnung für Der Pianist entgegennehmen. Zwei Jahre vor besagtem Zeitraum entstand unter seiner Regie der französische Psychothriller Der Mieter, bei dem er auf Basis eines Romans von Roland Topor gemeinsam mit Gérard Brach (Der Name der Rose, Am Anfang war das Feuer, Bitter Moon) das Drehbuch verfasste und zudem die Hauptrolle übernahm. Jener Film gilt nach dem 1965 produzierten Ekel und dem drei Jahre später folgenden Rosemaries Baby als der dritte Teil einer inhaltlich voneinander unabhängigen Polanski-Trilogie über urbane Horrorszenarien.


Worum geht es in Der Mieter? Ein schüchterner Büroangestellter namens Trelkovsky sucht in Paris eine erschwingliche Wohnung. Sein "Glück" findet er dabei im Haus von Monsieur Zy, da sich die entsprechende Vormieterin erst kürzlich aus dem Fenster gestürzt hat und derzeit mit schwersten Verletzungen im Sterben liegt. Trotz des beunruhigenden Ereignisses möchte Trelkovsky die Wohnung haben und sieht sich bereits unmittelbar nach dem Einzug mit seltsamen Dingen konfrontiert: Sämtliche Leute im Haus verhalten sich ungewöhnlich abweisend, kühl und misstrauisch, ihm wird mehrfach nächtliche Ruhestörung vorgeworfen obwohl er sich dahingehend an nichts erinnern kann und aus den gegenüberliegenden Fenstern fühlt er sich ständig beobachtet. Der psychische Druck auf Trelkovsky steigt unaufhörlich - verfällt er einfach nur dem paranoiden Wahnsinn oder ist er gar das Opfer einer heimtückischen Verschwörung? Vor diesem Hintergrund gehen klassische Suspense und surreal anmutende Impressionen eine albtraumhafte Symbiose ein, die den Zuschauer in mehrfacher Hinsicht fesselt, da nicht nur die subtile Spannung der permanenten Bedrohung vorherrscht, sondern auch eine durchweg deprimierende Atmosphäre mit völliger Abwesenheit menschlicher Wärme zu spüren ist. Das einzige, was man der Handlung ankreiden könnte, ist die etwas behäbige Erzählweise des französischen Films, allerdings erweist sich jene als angemessenes Stilmittel zur Modellierung dieses psychologischen Hammerschlags und fällt somit nicht negativ ins Gewicht.  


Wie bereits eingangs erwähnt, übernahm Roman Polanski selbst die Rolle des Protagonisten Trelkovsky. Obwohl seine schauspielerische Fähigkeiten im Allgemeinen deutlich umstrittener sind als sein Talent in puncto Regie und Drehbucharbeit, verkörpert er diesen wirklich auf hohem Niveau, da er sowohl dessen zurückhaltendes und unsicheres Wesen als auch die in deutlichem Kontrast dazu stehenden verzweifelten und hysterischen Gefühlsausbrüche greifbar vermittelt. Zudem bot ihm die Figur des polnischstämmigen Migranten in Paris scheinbar ein umfassendes Identifikationspotenzial. Unter den übrigen Charakteren stechen bewährte Größen wie Melvyn Douglas (1964 bzw. 1980 Oscar als Bester Nebendarsteller in Der Wildeste unter Tausend und Willkommen, Mr. Chance sowie 1971 Nominierung als Bester Hauptdarsteller in Kein Lied für meinen Vater) als Monsieur Zy, Shelley Winters (1960 bzw. 1966 Oscar als Beste Nebendarstellerin in Das Tagebuch der Anne Frank und Träumende Lippen sowie 1973 entsprechende Nominierung in Die Höllenfahrt der Poseidon und 1952 als Beste Hauptdarstellerin in Ein Platz an der Sonne) in der Funktion des Portiers bzw. der Hausmeisterin, Isabelle Adjani (Ein mörderischer Sommer, Die Bartholomäusnacht, 1976 bzw. 1990 Oscar-Nominierung als Beste Hauptdarstellerin in Die Geschichte der Adèle H. und Camille Claudel) als geheimnisvolle Freundin besagter Vormieterin sowie Jo VanFleet (Zwei rechnen ab, Der Unbeugsame, 1956 Oscar als Beste Nebendarstellerin in Jenseits von Eden) und Lila Kedrova (Der zerrissene Vorhang, 1965 Oscar als Beste Nebendarstellerin in Alexis Sorbas) in den Reihen der weiteren Hausbewohner hervor. Das Besondere an der Charakterzeichnung ist hierbei, dass es bis in die kleinste Nebenrolle hinein keine sympathische oder vertrauenerweckende Handlungsfigur gibt, sondern sämtliche Personen denen sich Trelkovsky gegenübersieht durchweg dubios, zynisch und abweisend wirken - manche sind sogar regelrecht furchteinflößend. Dieser Umstand verstärkt das Gefühl der Hilflosigkeit des Protagonisten ungemein und legt sich wie eine kalte Hand um das Gemüt des Zuschauers.  

 
Wie wurde das Ganze inszeniert? Die Kameraführung übernahm der zu Ingmar Bergmans Stammcrew gehörende Sven Nykvist (Die Jungfrauenquelle, Das Schweigen, 1974 und 1984 Oscar für Schreie und Flüsten bzw. Fanny und Alexander sowie 1989 Nominierung für Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins), wodurch die Abgründe der menschliche Psyche und die depressive Grundstimmung vor der Kulisse von Paris sehr anschaulich visualisiert sowie spürbar vermittelt werden - selten hat man die Stadt der Liebe dermaßen grau, ernüchternd und hoffnungslos zu sehen bekommen. Bereits der Vorspann deutet mit hypnotischen Kamerafahrten entlang der tristen Fassade des bedrohlich wirkenden Mietshauses eindrucksvoll an, was während der folgenden zwei Stunden passieren wird. Des Weiteren ist die penible Szenenkomposition hervorzuheben, bei der optische Patzer fast vollkommen vermieden werden konnten und aus klassischen Schauplätzen wie Fluren, Treppenhäusern und Innenhöfen das maximale Potenzial an verstörender Atmosphäre herausgeholt wurde. Obwohl der Film nach wie vor eine FSK-18-Freigabe trägt, sollte man jedoch nicht zu viel grafische Härte erwarten, denn trotz ein paar blutiger Momente ist diese aus heutiger Sicht wirklich überzogen und dürfte eher aus den mehrfachen sexuellen Anspielungen sowie dem unverblümten Sprachgebrauch resultieren. Von akustischer Seite sorgt die düster-melancholische Filmmusik von Philippe Sarde (Am Anfang war das Feuer, Herr der Fliegen, Das große Fressen, 1981 Oscar-Nominierung für Tess) dafür, dass die bittere Stimmungspille vollumfänglich wirken kann und der Nervenkitzel nicht zu kurz kommt.


Fazit: Der Mieter überzeugt in den Sphären des französischen Psychothrillers auf ganzer Linie, denn ein spannender Plot, eine niederschmetternde Atmosphäre, einwandfreie Darsteller und ein audiovisueller Stil, der den Ausflug in die  finsteren Tiefen der menschlichen Seele komplett macht, bieten ein rundum fesselndes Erlebnis. Dieser Film reiht sich meiner Meinung nach sauber in den Kreis der großen Polanski-Meisterwerke ein und kann somit jedem genreaffinen Zuschauer nur wärmstens empfohlen werden.

10/10
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Kommentare

11.05.2016 11:28 Uhr - Dissection78
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Heute scheint ein guter Tag zu werden. Schon drei Reviews zu interessanten Filmen. Erst "Ein mörderischer Sommer", dann "Mutant II" und jetzt "Der Mieter".
Ich gehe d'accord, NCP. "Le Locataire" ist durch seine Stimmung, die zwischen düster-surrealer Verstörung und bizarr-groteskem Humor pendelt, sehr besonders. Großartiges Werk.

"Roman Polanski, ein gebürtiger Pariser..." - bei diesen Worten musste ich etwas schmunzeln. Liegt aber nicht an Dir, sondern an meinen Gedanken (wahrscheinlichste Diagnose: postpubertäres Albernheitssyndrom).

11.05.2016 12:16 Uhr - JasonXtreme
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Und nochmal Isabelle Adjani :D bei Dir würde ich in Miete gehen, NCP - wiedermal eine formidable Arbeit - und bei mir abermals eine Bildungslücke!

11.05.2016 12:49 Uhr - cecil b
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Ein Schüsselfilm meiner Laufbahn. Hat meinen Geschmack ähnlich geprägt wie Shining und Halloween. Und du hast diesem Meisterwerk einen absolut angemessenen Platz auf dieser Seite gegeben. Danke dafür!

"Vor diesem Hintergrund gehen klassische Suspense und surreal anmutende Impressionen eine albtraumhafte Symbiose ein, die den Zuschauer in mehrfacher Hinsicht fesselt, da nicht nur die subtile Spannung der permanenten Bedrohung vorherrscht, sondern auch eine durchweg deprimierende Atmosphäre mit völliger Abwesenheit menschlicher Wärme zu spüren ist".

Dafür kriegst du einen Schmatzer. ;)

11.05.2016 12:52 Uhr - cecil b
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@ Dissection78. "Roman Polanski, ein gebürtiger Pariser..." - bei diesen Worten musste ich etwas schmunzeln. Liegt aber nicht an Dir, sondern an meinen Gedanken (wahrscheinlichste Diagnose: postpubertäres Albernheitssyndrom)."

Das ist dieses aufwühlende Frühjahr, mit diesen unzähligen Grazien, die so gar nicht frieren. ;)

11.05.2016 16:31 Uhr - NoCutsPlease
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Vielen Dank miteinander! :-)
Für das 100. Review musste es natürlich ein absoluter 10/10-Film sein, der hier noch nicht besprochen wurde. Sehr schön, dass dieser Titel solch einen positiven Anklang findet.

Zur Albernheit: Der gebürtige Pariser mit einer Vorliebe für Französisch mit Grazien, die mal so gar nicht frieren. ;-)

11.05.2016 17:35 Uhr - Q. Tarantino
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Eine wunderbar geschriebene Kritik, der ich voll und ganz zustimme - besonders was die ziemlich deprimierende Atmosphäre dieses großartigen Films angeht.

11.05.2016 18:56 Uhr - dicker Hund
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Na, den Film hast Du mir aber jetzt auch 100-prozentig schmackhaft gemacht - herzlichen Glückwunsch zur Dreistelligkeit! "Rosemary's Baby" fand ich schon sehr erfreulich - da scheint der hier ja mal gar nicht verkehrt zu sein;-)

11.05.2016 19:19 Uhr - cecil b
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Herzlichen Glückwunsch zum 100.! :)

Auf dass noch einige dazu kommen! ;)

11.05.2016 22:07 Uhr - NoCutsPlease
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Danke für das weitere Feedback und die Glückwünsche! :-) Da kommt auch noch weiterhin was dazu.

Wer den Film noch nicht kennt, sollte ruhig die Sichtung wagen - psychologisch/emotional ist er eine echte Wucht.

@ cecil:
Du meintest vorhin bestimmt SchLüsselfilm.
Ein SCHÜSSELfilm wäre für mich so etwas wie "La Petite Mort", wo man vor lauter Stümperhandwerk derartige Kotzkrämpfe bekommt, dass man quasi über der Schüssel festhängt.

12.05.2016 07:10 Uhr - Angertainment
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Von mir auch alles Gute zur Nummer 100!
Eine gelunge Besprechung auf gewohnt hohem Niveau.
Der Film ist in der Tat hypnotisch spannend und hat einen tollen Nachgeschmack.
Gute Wahl.

12.05.2016 08:43 Uhr - leichenwurm
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Klasse Review NoCuts und nen dicker Schulterklopfer zum 100. Review meinerseits... ;-) ! Der Film ist tatsächlich sehr beunruhigend, leidet in meinen Augen aber etwas an Polanskis Schauspielerischer Tätigkeit (was wohl weniger mit seiner eigentlichen Leistung zusammenhängt, sondern eher mit meiner perönlichen Abneigung gegenüber seiner Person... ;-)).

12.05.2016 12:13 Uhr - cecil b
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NoCutsPlease: Schussel..äh..Schüssel..äh ja, Schlüsselfilm. ;)

12.05.2016 18:50 Uhr - NoCutsPlease
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Verbindlichsten für die weitere "Rückfütterung". :-)

Ja, Polanski ist nicht gerade ein allgemeiner Sympathieträger und das aus unterschiedlichen Gründen.
Ich versuche das bei Prominenten immer bestmöglich auszublenden, denn sonst müsste ich ein Drittel meiner Sammlung auf dem Scheiterhaufen verbrennen. ;-)

09.02.2017 23:19 Uhr - Insanity667
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Eine der wenigen Lücken in meiner Polanski-Ecke, zu deren Füllung du mich mit deiner Glanzrezension nun angestiftet hast, zumal ich den Film erst kürzlich anhand seiner Beschreibung mit der vertrackten Nachbarschaftsthematik, zumindest als Referenz zu einem von mir selbst bestprochenen Titel, schon im Kopf hatte...
Besten Dank! :)

10.02.2017 10:16 Uhr - NoCutsPlease
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Und ich danke vielmals für das Feedback! :)
Als Polanski-Interessierter ist der Film ohnehin Pflichtprogramm.

07.03.2020 09:36 Uhr - D-P-O / 77
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Hallo "NoCutsPlease"!

Eine Top-Kritik zu einem genialen Film.
Von mir bekommt "Der Mieter" auch eine klare 10.
Es wird allerdings mal Zeit für eine Restaurierung dieses Meisterwerks!

Hier noch eine Empfehlung meinerseits: ... "Macbeth" (The Criterion Collection) von Roman Polanski.

Grüße

08.03.2020 16:56 Uhr - NoCutsPlease
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Hallo und herzlichen Dank für dein erfreuliches Feedback sowie für die Empfehlung. :)

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