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Ring

(Originaltitel: The Ring)
Herstellungsland:USA (2002)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Fantasy, Thriller, Mystery
Alternativtitel:The Ring - Das Grauen schläft nie
Static
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,65 (28 Stimmen) Details
inhalt:
Nach dem mysteriösen Todesfall ihrer Nichte beschließt die junge Reporterin Rachel Keller, den Tatsachen des Todes auf den Grund zu gehen. Sie stößt dabei auf ein seltsames und unheimliches Videoband, das surreale und teilweise alptraumhafte Szenen zeigt. Kaum ist das verstörende Band zu Ende, klingelt das Telefon und eine Stimme teilt ihr mit, dass sie nur noch sieben Tage zu leben habe. Daraufhin versucht sie herauszufinden, was es mit dem Film auf sich hat und wie er entstanden ist. Hilfe erhält sie dabei von ihrem Ex-Freund und Vater ihres Sohnes Aidan, dem Fotografen Noah Clay, der sich ebenfalls das Video ansieht. Zusammen finden sie schließlich heraus, dass eine Frau namens Anna Morgan sowie Moesko Island, die Heimat der Morgans, auf dem Video zu sehen sind. Auf Moesko Island angekommen, erfahren sie, dass Anna schon seit Jahren tot ist, aber auch, dass sie eine Tochter namens Samara hatte. Samara war auf der Insel gefürchtet. Besonders, da sie über unnatürliche Kräfte verfügt haben soll, und da das kleine Mädchen offensichtlich die Urheberin des tödlichen Videos ist, muss Rachel sie finden, zumal sich Aidan mittlerweile auch das Video angesehen hat und schon seit längerem unter den Einfluss einer übernatürlichen Macht geraten zu sein scheint...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Achtung: Sehr subjektive Kritik voller Anekdoten und Abschweifungen. Wer eine neutrale Besprechung des Films sucht, ist hier falsch. :)

Ach ja... Semesterferien, kaum zu tun und die ganze Uni-Videothek mit ihren unermeßlichen Reichtümern der Filmgeschichte, die mir zur Verfügung steht. Dazu miserables Wetter und für die nächsten Wochen kaum Pläne, bevor endlich wieder mein Flieger nach Japan geht -- was bleibt also zu tun? Sich den ganzen Tag Klassiker der Filmgeschichte anschauen und sein cineastisches Wissen grenzenlos erweitern? Sicherlich. Allerdings nutze ich die Gelegenheit auch gerne, mir Filme anzuschauen, für die ich nie Geld ausgeben würde, um bei gewissen Themen mitreden zu können. Und dazu gehört auch einer meiner absoluten Haßfilme -- das amerikanische Remake des japanischen Horrorfilmklassikers Ring.

Das Original von 1998 gehört zu jenen Filmen, die ich sicher bereits über 20 Male gesehen habe und bei denen ich wirklich jede einzelne Szene in- und auswendig kenne. Für mich ist jener Film des Regisseurs Hideo Nakata schlicht einer der großartigsten Horrorfilme aller Zeiten: Als 12-Jähriger hat er mir schlaflose Nächte bereitet (danke, Papa!), und selbst Jahre später wirkt der Film immer noch und fasziniert mit seiner durchdachten Story, seiner großartigen visuellen Gestaltung und der Musik Kenji Kawais. Nakatas Film basiert seinerseits auf einem Roman Kōji Suzukis von 1991, dem er viele neue Elemente hinzufügte und andere wegließ, die den Fluß der Erzählung wohl behindert hätten -- eine sehr originalgetreue filmische Umsetzung erfolgte bereits 1995 mit dem Fernsehfilm Ring: Kanzenban, der Nakatas Film zwar längst nicht das Wasser reichen kann, aber doch sehenswert ist: insbesondere das verfluchte Video ist in jener Version am verstörendsten (youtu.be/6ORBwhr24bQ). Vielleicht widme ich diesem Film noch eine eigene Kritik, gesehen haben ihn wahrscheinlich die Wenigsten.

Auf Nakatas Film erfolgte bereits 1999 (nebst der sehenswerten japanischen (zweiten) Fortsetzung Ring 2) ein koreanisches Remake, dem ich vor einiger Zeit bereits eine Kritik widmete und das ich entgegen vieler Meinungen für durchaus sehenswert halte: Es hält sich zwar stilistisch und erzählerisch sehr nah an Nakatas Verfilmung, fügt aber noch einige interessante Aspekte des Romans ein, etwa das Motiv der Intersexualität -- zudem ist der Film visuell ansprechend, gekonnt an das benachbarte (und kulturell verwandte) Korea angepaßt und versucht ebenfalls, weniger durch billige Schocks sondern vielmehr durch eine beklemmende Atmosphäre zu überzeugen. Zudem hat jene Version dadurch eine Existenzberechtigung, als daß japanische Filme in Korea durch die angespannten Verhältnisse zwischen den Ländern nur mit strengen Auflagen oder gar nicht gezeigt oder verkauft werden konnten.

Dann erfolgte 2002 bereits das zweite Remake, diesmal aus Amerika und unter der Regie von Splatter Gore Verbinski, der später durch die Pirates-of-the-Carribean-Filme große Bekanntheit erlangen sollte... Und im Gegensatz zum koreanischen Remake ist diese Version aus meiner Sicht ein absolutes Debakel, der wirklich in jeder Hinsicht gegenüber allen anderen Versionen von Suzukis Roman abstinkt, die Rahmenhandlung nicht nur kastriert, sondern regelrecht massenvergewaltigt, und ihr jegliche werkimmanente Sinnhaftigkeit raubt, zum Zweck des Erzeugens billigen Grusels vom Hollywood-Fließband.

Reporterin Rachel Keller und ihr autistischer Sohn erfahren vom Tod der Nichte/Cousine Katie (die in einem total gruseligen Haus lebt). Keller erfährt von einer Videokassette, die die Teenies in einer (total gruseligen) Ferienhütte angeschaut haben und deren Rezipienten innerhalb einer Woche sterben. Keller geht dem Mythos nach, schaut die Kassette, bittet ihren entfremdeten Exfreund/Kindsvater um Beihilfe und stößt auf die Familie Morgan, die auf einer Insel eine Pferdefarm betrieb, deren Pferde aber nach der Geburt der Tochter Samara irgendwie durchdrehten, weil sie irgendwie unheimlich war und nie schlief. Nun gilt es, den Fluch zu brechen, da auch der (bei genauerer Betrachtung eigentlich auch total unheimliche) Sohn Kellers das Video geschaut hat und zudem mit dem Geist der toten Mädchens kommunizieren kann.

Verbinskis Film bleibt erzählerisch zunächst sehr nahe an Nakatas Vorlage und bringt erst circa nach der Hälfte eigene Ideen rein -- dann jedoch massiv. Die gesamte Hintergrundgeschichte der Familie Yamamura wurde abgeändert: hellseherische Fähigkeiten spielen keine Rolle mehr, Vererbung ebenfalls nicht, Intersexualität wie im Originalroman schon gleich gar nicht: die amerikanische Samara ist ein komplett farb- und ideenloser Abklatsch des japanischen Rachegeists, der scheinbar aus dem Nichts kam, überhaupt keinen Hintergrund besitzt und im Endeffekt einfach ein unheimliches Kind mit einigen übersinnlichen Fähigkeiten ist, das Pferde in den Wahnsinn treibt. Während bereits Nakatas Sadako eine sehr reduzierte Version der (wesentlich komplexeren) Sadako aus dem Originalroman darstellt, geht die Rechnung insofern auf, als daß die Geschichte jenes Mädchens sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, nach und nach einen Hintergrund bekommt und sich vor allem sehr nahe an Motive aus der japanischen Mythologie hält, die in diesem kulturellen Kontext wunderbar funktionieren. Nakatas Film ist unheimlich, weil er traditionelle Elemente (Rachegeister) gekonnt in einen modernen Kontext (Videokassetten) setzt. Samara ist einfach nichts von alledem: Ein kleines, gruseliges Mädchen, ein billiges Plagiat von Regan aus dem großartigen amerikanischen Horrorklassiker The Exorcist.

Zudem leidet das Remake erzählerisch auch daran, daß manche wichtige Details aus der japanischen Vorlage einfach weggelassen wurden und unerklärt bleiben bzw. durch billige amerikanische Horrorfilmklischees ersetzt wurden: Etwa, wie die Protagonisten am Ende auf die Idee kommen, noch einmal die Hütte aufzusuchen und schließlich den Brunnen entdecken. Gewollter geht's wirklich nicht. Insgesamt setzt Verbinskis Film enorm auf billige Schocks und sinnlosen Grusel, auch deutlich erkennbar bei seiner Version des verfluchten Videos: Was haben die Tausendfüßler da verloren (außer daß es total gruselige Tiere sind)? Was soll der sich drehende Stuhl? Die sich später materialisierende Fliege? In Nakatas Film und der Romanvorlage hat jede einzelne Einstellung eine Bedeutung, die im Verlauf der Handlung zumindest irgendwie erläutert wird. Nichts davon im amerikanischen Remake. Es ist alles irgendwie gruselig, bereits die erste Einstellung des Hauses, wo das Teenie-Mädchen stirbt -- auf die Idee, daß gerade das Alltägliche durch den Einfall des Unerklärlichen besonders unheimlich wirkt, kam in Hollywood wohl niemand.

Interessant ist gleichzeitig auch, wie die wirksamsten Schockeffekte von Nakatas Vorlage komplett weggelassen oder verwässert wurden: Das entstellte Polaroid-Foto, der Sohn beim Betrachten des Videos, Ryūjis Geist am Ende des Films, stets wirkungsvoll untermalt von Soundeffekten des Komponisten Kenji Kawai... Nichts davon ist zu finden in Verbinskis Film. Stattdessen gibt's Pferde, die von Schiffsturbinen zu Hackfleisch verarbeitet werden, auf unerklärliche Weise entstellte Leichen (warum?) und eben Fliegen, die aus Fernsehern kommen (wieso?)... Nichts davon ist für einen erwachsenen Zuschauer, der in seinem Leben bereits einen guten Horrorfilm gesehen hat, auch nur entfernt unheimlich, auch deshalb, weil nichts Sinn ergibt, weder werkimmanent, noch in einem kulturellen Kontext. Wenn schon kopieren, dann bitte gekonnt.

Auch stilistisch ist der Film an Belanglosigkeit kaum zu überbieten. Der Farbton ist stets grau-grünlich, es regnet unaufhörlich, und Hans Zimmers gewohnt einfallsloses Mainstream-Geplärre läßt zu keiner Sekunde Atmosphäre aufkommen. Die Kamera bedient sich durchgehend ausgelutschter Stilmitteln des Horrorfilms, sodaß auch ja jeder furchtsame Teenie vor einer "gruseligen" Szene noch rechtzeitig wegschauen kann. Auch die Maskentechnik orientiert sich streng am US-Mainstream, so etwa Samaras Auftreten als überirdische Wasserleiche gegen Ende des Films... Alles bereits dagewesen und schon tausendmal gesehen. Die Schauspieler spielen gelangweilt-routiniert ihr Lee-Strasberg-Method-Acting, niemand fällt besonders positiv oder negativ auf. Allenfalls Martin Henderson als Vater Noah sticht etwas hervor, reicht aber niemals einem Hiroyuki Sanada oder Jung Jin-young (The Ring Virus) das Wasser.

Nein, der amerikanische Ring ist ein Totalausfall: Ein langweiliges, seelenloses, unmotiviertes Remake eines modernen Klassikers, nur deshalb geschaffen, weil die Amerikaner Probleme mit Schlitzaugen und Untertiteln haben. Leider hat dieser filmische Abschaum in den frühen 2000ern eine ganze Welle unnötiger amerikanischer Remakes japanischer Filme losgetreten, die teilweise noch miserabler sind als Verbinskis Film -- aber da dieser nun einmal der Seuchenherd ist, fällt meine Bewertung auch dementsprechend niedrig aus. Ich rate energisch von diesem Schund ab: Schaut Nakatas Film, schaut den koreanischen Film, schaut die japanische TV-Verfilmung von 1995, aber meidet dieses Machwerk. Es hat einfach keine Existenzberechtigung. Aber keine Sorge: Man kann den Film auch gut finden und trotzdem mit mir befreundet sein.

2/10
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Kommentare

06.06.2016 08:11 Uhr - dicker Hund
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Herrlich subjektiver Verriss;-)

06.06.2016 15:49 Uhr - Angertainment
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DB-Helfer
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Auch wenn ich nicht deine Wertung teile, da ich dem US-Remake doch ein paar positive Aspekte zuspreche, hat mich dein Review herrlich unterhalten.

06.06.2016 17:26 Uhr - NoCutsPlease
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Ich habe das US-Remake unvoreingenommen konsumiert und fand es durchaus unterhaltsam.
Andererseits kann ich es auch sehr gut verstehen, dass man von dem oberflächlichen Thrill sehr gefrustet ist wenn das Original im Vergleich dazu viel Wert auf subtile Spannung, gesellschaftliche Hintergründe und künstlerische Ästhetik gelegt hat.

Das Review selbst ist natürlich sehr gelungen und schafft es gekonnt viel Interesse für das Original zu wecken.

Keine Kritik an deinem Intro, aber mittlerweile dürfte echt JEDER User mitbekommen haben, dass du dich gern und oft in Japan aufhältst. ;-)

06.06.2016 17:26 Uhr - Präsident Clinton
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Ich würde dem auch ein paar Pünktchen mehr geben, jedoch natürlich gar kein Vergleich zum Original.
Aber sehr schön und gut begründet geschrieben.

06.06.2016 18:01 Uhr - Laughing Vampire
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DB-Helfer
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06.06.2016 17:26 Uhr schrieb NoCutsPlease
Keine Kritik an deinem Intro, aber mittlerweile dürfte echt JEDER User mitbekommen haben, dass du dich gern und oft in Japan aufhältst. ;-)

Haha, entschuldige. Ich fand's gerade in diesem Fall wichtig zu erwähnen, daß ich dadurch etwas anders an solche Filme herangehe, aber du hast recht, ich wiederhole mich oft. Vielleicht, weil ich immer davon ausgehe, daß nur wenige Leute meine Texte lesen?

Freut mich, daß euch die Kritik unterhalten konnte, das soll auch ihr Hauptzweck sein. ;)

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