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8MM - Acht Millimeter

(Originaltitel: 8MM)
Herstellungsland:USA, Deutschland (1999)
Standard-Freigabe:FSK 18
Genre:Drama, Krimi, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,07 (99 Stimmen) Details
inhalt:
Es scheint nur ein Routinefall zu sein, der den ehrgeizigen Privatdetektiv Tom Welles (Nicolas Cage) auf seiner Karriereleiter weiter nach oben bringen wird: Er soll für eine reiche Witwe die Herkunft und Echtheit einer kleinen Rolle Acht-Millimeter-Films recherchieren, den sie im Tresor entdeckt hat. Im Film ist zu sehen, wie eine junge Frau zu Tode gefoltert wird. Die Spur führt in die Hardcore-Porno-Szene, eine dunkle Hölle, in der Toms grauenvollste Vorstellungen Wirklichkeit werden...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von fratze:

Snuff - um kaum ein anderes einsilbiges Wort ranken sich mehr Mythen und Legenden als um dieses.

Der Film "8MM" (1999) von Joel Schumacher behandelt genau dieses kleine Wörtchen als Hauptthema. Als Privatdetektiv Tom Welles sieht man hier Nicholas Cage in einer seiner besten - und düstersten - Rollen. Welles wird von einer alten reichen Lady engagiert, um herauszufinden, ob das titelgebende Achtmillimeterfilmchen, das sie im Safe ihres verstorbenen Gatten gefunden hat, echt oder ein Fake ist - da in diesem Film augenscheinlich ein junges Mädchen ermordet wird. Der Detektiv begibt sich auf die Suche nach dem Mädchen aus dem Film - und gerät nach und nach immer tiefer in die Welt der Underground-Pornographie.

Um kurz zu umreißen, um was genau es in "8MM" geht, hier ein kleiner Exkurs: Das Wort "Snuff" als Genre-Bezeichnung rührt her von dem amerikanisch-argentinischen Low-Budget-Exploiter "Big Snuff" (1976), ein qualitativ sehr minderwertiger Streifen, den man mit einem Werbegag interessanter machen wollte: Während der Dreharbeiten, hieß es, sollte eine Darstellerin getötet worden sein, was im Film natürlich - illegaler Weise - zu sehen ist. Dass sich diese Behauptung später als blanke Lüge entpuppte, tat der Geschichte keinen Abbruch: Ein Mythos war geboren.
Im Jahr 2016 ist es für Interessierte relativ simpel, an grenzwertige bzw. grenzüberschreitende, harte (auch reale) Filme zu kommen - Internet sei Dank. Wer lang genug sucht, der findet (fast) alles, was er will. Exekutionsvideos von Mafia oder Terroristen, Clips von tödlichen Unfällen (Anm.: gibt es mit "Faces of Gore" sogar als Compilation), Selbstmorde auf Sicherheitskamera festgehalten, die Hinrichtung Saddam Husseins oder die Taten Luka Magnottas - der Tod ist im Netz mittlerweile allgegenwärtig. So könnte man auf die Idee kommen, der Mythos Snuff sei doch unlängst Realität geworden.
Tatsächlich ist Snuff aber etwas anderes als einfach nur ein gefilmter Tod oder gar ein gefilmter Mord. Per Definition zeigt ein Snuff-Film einen Mord einzig zum Zwecke der kommerziellen Auswertung des Films. Das Opfer wird ausschließlich für den Film getötet, damit der Film zu Unterhaltungszwecken verkauft werden kann. Faktisch ist kein Fall der Echtheit eines solchen Films bekannt, und die oben benannten Beispiele real gefilmter Tode oder auch Tötungen hatten andere Motive als die besagte kommerzielle Auswertung. Somit wird Snuff noch immer in den Bereich der Urban Legends verbannt.

Wer sich "8MM" ansieht, sollte sich also ob des Themas unbedingt darüber im Klaren sein, dass ihn hier absolut keine leichte Unterhaltung erwartet. Mit diesem Film begibt man sich auf eine Reise in die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele. Ausschweifende sexuelle Fantasien, Fetische und Perversionen sind dabei aber nur die Spitze des Eisbergs und gar nicht mal das, was einen so sehr schockt; vielmehr sind es die ganzen schmierigen, kaputten und kranken Charaktere, die aus diesen Vorlieben den größtmöglichen Profit schlagen wollen, welche einen regelrecht anwidern. Zwei Elemente machen dabei die intensive Wirkung des Films aus: Ein großartig zusammengestellter Cast und ein starkes Drehbuch.

Nicolas Cage zur Seite stehen hier einige brilliante Mitstreiter: Joaquin Phoenix als der Musiker und Erwachsenenvideothekar Max, der Welles in die Underground-Szene einführt; James Gandolfini als der Porno-Produzent Eddie, ein wirklich widerlicher Zuhälter-Charakter, der gegen Geld bereit ist, alles zu tun; Peter Stormare als Szenegröße und Vollzeit-Psychopath Dino Velvet, ein Regisseur diverser extremer Hardcore-Bondage-Streifen; Anthony Heald, den meisten wohl bekannt als Dr. Chilton aus "Das Schweigen der Lämmer", einmal mehr als der absolute Unsympat, Daniel Longdale, der Anwalt der reichen Lady; und schließlich ist da natürlich noch "Machine" (Anm.: Wer ihn spielt, wird hier nicht verraten, aus Rücksicht auf Leser, die den Film vielleicht noch nicht kennen - macht euch auf eine böse Überraschung gefasst). Allein das Zusammenspiel von Cage und Phoenix ist großartig und bringt bisweilen sogar etwas Humor und Buddy-Movie-Flair mit sich. Je tiefer Welles vordringt, um so explosiver wird die Spannung, weil nach und nach sämtliche oben genannte Charaktere ans Licht kommen - bis sie schließlich alle aufeinander treffen.

Das Drehbuch wurde verfasst von Andrew Kevin Walker, dem wir zuvor bereits den Geniestreich "Sieben" zu verdanken hatten. Allerdings zog er nach einigen Differenzen seine Beteiligung am Film zurück, weil Joel Schumacher das Script eigenmächtig und z.T. massiv abänderte - um die Story etwas abzumildern. Das, was diesem nicht gerade zahmen Film zugrunde liegt, ist also die von Schumacher überarbeitete, abgemilderte Fassung, daher vermag man sich gar nicht auszumalen, wie krass das ursprüngliche Script gewesen sein muss. Viele Darstellungen sind wirklich derartig intensiv und unbekömmlich, und die Auflösung ist so vernichtend brutal (Anm.: in einem rein psychischen Sinne - "8MM" ist trotz 18er-Freigabe der FSK relativ blutarm), dass man sich eine Steigerung all dessen nur schwer vorstellen kann.

Beeindruckend wird hier quasi nebenbei auch noch ein Psychogramm von Tom Welles gezeichnet, das ihn, je weiter er in den Sumpf hinabsteigt, von einem liebevollen Familienvater immer mehr zum besessenen Rächer werden lässt. Ist es zunächst sein Ehrgeiz, der ihn vorantreibt, wird es zunehmend immer persönlicher, während er gegenüber der Porno-Welt, in die er eingedrungen ist, immer mehr abzustumpfen scheint. Sein Sidekick Max beschreibt es wie folgt: "Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel - der Teufel verändert dich." Dieses Bild trifft Toms Werdegang während des Films ziemlich genau.

Einziger Wermutstropfen der Inszenierung bleibt (ACHTUNG: massive Spoilergefahr! Wer den Film nicht kennt, bitte überlesen!) der Schluss, der Welles zunächst als einen gebrochenen Mann zeigt, der vermutlich für immer von seinen Dämonen verfolgt werden wird; als er jedoch eine Dankeskarte von der Mutter des Opfers erhält, scheint sich sein Gemüt wieder aufzuhellen. Dieser eine Lichtblick genügt also, dass Welles sein Leben nun unbeschwert weiterleben kann... hmpf. Zum Rest des Films in Relation gesetzt leider ein merkwürdig inkonsequentes Ende.

 

Fazit:

Joel Schumacher hat hier das Kunststück geschafft, die schmierige, abstoßende (Geschäfts-)Welt der Underground-Pornographie realistisch darzustellen - man will sich allerdings gar nicht vorstellen, wie die Recherchen dazu ausgesehen haben müssen. Allein all diese verdreckten Keller, Hallen und Hinterhöfe, wo Einlauf-Fetischisten im lauschigen Hinterzimmer vorm Projektor hocken und sich in der Gruppe einen runterholen... iiiigitt!

Beiläufig zeigt "8MM" dann auch den harten, brutalen und z.T. sogar krankhaften Bereich der Pornographie: Vergewaltigungsfilme, extremer BDSM, Gewalt- und Kinderpornos. So ist der Snuff-Film im Grunde nur die konsequente Fortführung dieser dauernden Steigerung in immer noch extremere Sphären. Und die Frage für den Zuschauer bleibt: Wenn es diesen ganzen anderen Dreck doch auch in der Realität gibt, warum sollten die Leute, die so etwas produzieren, ausgerechnet vor dieser einen letzten Grenze zurückscheuen? Warum sollte es wohl Snuff dann nicht auch wirklich geben?

... mit dieser quälenden Frage in eure Köpfe gepflanzt wünsche ich eine gute Nacht und angenehme Träume.

 

"Es gibt in dieser Welt nur drei Regeln: Nummer eins, es gibt immer ein Opfer! Nummer zwei, sei du's besser nicht!"
- "Und Nummer drei?"
- "Nummer drei hab' ich vergessen..."

 

8/10
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Kommentare

15.09.2016 08:23 Uhr - dicker Hund
1x
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Schön beschriebener Eindruck. Mir war der damals zu blutleer. Sollte ihm wohl mal einen Rewatch mit angepasster Erwartungshaltung gönnen...

15.09.2016 22:14 Uhr - NoCutsPlease
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Sehr schön, dass nun wieder häufiger was Gutes aus den Tiefen des Dungeons heraufweht.
Von mir bekommt der Film noch einen Punkt mehr.
Schumacher ist ohnehin mit seinen moralisch provokanten Themen einer meiner Lieblingsregisseure der 90er.

15.09.2016 23:12 Uhr - Fratze
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15.09.2016 22:14 Uhr schrieb NoCutsPlease
Von mir bekommt der Film noch einen Punkt mehr.
Schumacher ist ohnehin mit seinen moralisch provokanten Themen einer meiner Lieblingsregisseure der 90er.

Jepp, seine "Batman"-Eskapaden mal ausgenommen XO (wobei ich "Forever" damals gar nicht mal sooo scheiße fand... mit etwas weniger Neonfarbe hätte der gleich ganz anders ausgesehen, und Jim Carrey als Riddler war großartig besetzt... aber ich schweife ab ;P)
Aber sonst wirklich großes Kino: "Die Jury", "Falling Down", "Flatliners"... der hat schon was geboten damals. In neuerer Zeit "Nicht auflegen", der zwar an die Klasse der meisten seiner 90er Werke nicht rankommt, aber immerhin doch mal wieder ein interessantes Psychospielchen war.
Ein Punkt mehr war bei mir nicht drin, weil er sonst gleichauf mit meiner Wertung für "Sieben" wäre - was er aber m.M.n. nicht ist. Dafür ist Cage manchmal zu gewollt cool und das Ende einfach zu "happy". "Sieben", der Vergleich liegt bei dem Drehbuchautor halt nahe, war da schlicht konsequenter.

15.09.2016 08:23 Uhr schrieb dicker Hund
Mir war der damals zu blutleer. Sollte ihm wohl mal einen Rewatch mit angepasster Erwartungshaltung gönnen...

Na aber unbedingt ^^

Danke euch beiden! Ich hoffe, dass ich mal wieder dazu komme, mehr rauszuhauen... die 100 muss bald mal voll werden 8D

15.09.2016 23:23 Uhr - NoCutsPlease
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Ha! An "Batman Forever" habe ich gerade mal absolut nicht gedacht, sondern eben genau an "Flatliners", "Falling Down", "Die Jury" und Co.
Für mich ist "8MM" auch nicht mit "Sieben" auf einer Stufe, aber da jener von mir die volle Punktzahl bekommt, geht die Rechnung genauso auf.

19.09.2016 11:50 Uhr - JasonXtreme
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Super geschrieben! Schade, dass da nie ne Unrated kam :( und dass die eine Szene der Kinofassung nie irgendwo auf DVD/BD erschien, in der Cage den Typen mit der Knarre erschlägt. Immerhin war ich zweimal im Kino, und ich mag den Film auch heute noch sehr gern! Schön düster, guter Cage, guter Restcast...

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