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Opfergang

Herstellungsland:Deutschland (1944)
Standard-Freigabe:FSK 6
Genre:Drama, Liebe/Romantik
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,50 (2 Stimmen) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Was man beim Herumstöbern in der Filmgeschichte nicht so alles findet. Beim Recherchieren über verschiedene Arten des Farbfilms wuchs mein Interesse am deutschen Agfacolor-Verfahren, dessen Ästhetik sich doch grundlegend von der amerikanischen Technicolor-Grellheit unterscheidet -- die Farben sind zurückhaltend und pastellartig und wirken dadurch melancholischer und schwerer. Bekannt ist etwa auch, daß der japanische Regisseur Yasujirō Ozu sich bewußt für dieses deutsche Verfahren entschied, weil ihm der Rotton besser gefiel als der des japanischen Fujifilms. Auch in der DDR setzte man noch lange auf Weiterentwicklungen des Agfa-Verfahrens, das jedoch bereits im Dritten Reich perfektioniert wurde. Und als Zugpferde für die Möglichkeiten des deutschen Farbfilms fungierten in den Vierzigern zwei parallel gedrehte Filme des kontroversen Regisseurs Veit Harlan: "Immensee", der bereits im Vorjahr 1943 veröffentlicht wurde und ein großer Erfolg war, und "Opfergang" -- der später irgendwie vergessen wurde.

Harlan ist eine sehr interessante Figur: Einerseits einer der Lieblinge der NS-Propagandamaschinerie, der etwa den bekannten antisemitischen Film "Jud Süß" verwirklichte, andererseits aber durchaus auch ein begabter Künstler mit einem hervorragenden Blick fürs Detail, der auch in seinen abstoßendsten Werken wunderbare Bilder zu erzeugen wußte. Ich halte nichts davon, politisch über Künstler zu urteilen, auch nicht über jene der NS-Zeit, aber natürlich mag es für den ein oder anderen Zuschauer unerträglich sein, ein Film künstlerisch wertzuschätzen, der vom Regisseur von "Jud Süß" stammt -- auch wenn der Mythos vielleicht stärker ist als der Film selbst.

Mit "Opfergang" haben wir jedoch einen Film vorliegen, der zwar während des Zweiten Weltkriegs entstand, dies jedoch komplett ausblendet und uns stattdessen eine wunderbar kitschige Liebesgeschichte ohne politischen Bezug auftischt. Und dies in den mitunter schönsten Bildern, die das deutsche Kino anno dazumals zu erzeugen in der Lage war.

Erzählt wird die Geschichte des lebensfrohen Albrecht, der oft in der Welt herumreist und sich in Hamburg schließlich mit Octavia, seiner Cousine, verlobt. Im hanseatisch-verkopften Umkreis ihrer Familie fühlt er sich jedoch unwohl, und zudem lebt in der Villa nebenan die ebenso abenteuerlustige Skandinavin Aels (gespielt von Harlans Ehefrau und NS-Starlet Kristina Söderbaum), zu der sich beim regelmäßigen Ausritt mit den Pferden Gefühle entwickeln. Es beginnt eine klassische Mélange à trois. Octavia leidet zwar unter der Beziehung ihres Verlobten und späteren Ehemanns zur verführerischen Aels, nimmt es jedoch hin. Und schließlich wird Albrecht bekannt, daß Aels unter einer Krankheit leidet, die ihr nicht mehr lange zu leben gibt.

Mir hat dieser Film wirklich sehr gut gefallen. Die Geschichte ist unglaublich kitschig und melodramatisch, und obwohl sich vieles um Tod und Vergänglichkeit dreht, überwiegt der Optimismus (womit sich eventuell eine etwas makabere Parallele zur damaligen Situation in Deutschland ziehen läßt), was zu wunderbar absurden, aber irgendwie auch schönen und berührenden Szenen führt. Gerade auch das loyale Verhältnis von Octavia zu ihrem "fremdgehenden" Mann fand ich sehr ehrlich und natürlich, auch wenn gerade das wiederum kritisiert werden könnte -- sie stellt Aels nie, hält sich fein raus, leidet für sich und hilft am Ende sogar noch, ihr [Vorsicht, Spoiler] das Ableben leichter zu machen, indem sie als Albrecht verkleidet vor Aels' Sterbebett blicken läßt.

Natürlich läßt sich das sehr leicht als Parallele zur Aufopferung für ein höheres Gut etwa im Sinne der NS-Ideologie interpretieren. Vielleicht mag man sich wünschen, daß Octavia mehr für ihre Sache einsteht. Allerdings finde ich die Charaktere insgesamt sehr gut gezeichnet und konnte auch ihr Handeln problemlos nachvollziehen. Gerade als Charakterstudie der damaligen Mentalität minus expliziter politischer Propaganda eignet sich dieser Film hervorragend, und mich stört das keineswegs mehr als die Frauenbilder, die etwa im Hollywood-Kino der damaligen Zeit vorherrschten. Wenn man sich darauf einläßt -- auch auf das bewußt theaterhafte (wovon ich sowieso ein großer Freund bin), aber sehr gelungene Schauspiel der Akteure --, wird man durchaus belohnt.

Gerade die leicht angekratzte, fieberhafte Stimmung dieses Films gefiel mir persönlich gut: Alles ist vergänglich, also sollte man auch verdammt noch mal leben! Gerade hier beißt sich "Opfergang" doch sehr mit der NS-Propaganda, und offenbar soll der Film genau deswegen Goebbels mißfallen sein.

Was "Opfergang" jedoch wirklich zu einem meisterhaften Film macht, ist seine technische Perfektion: Jede Einstellung des Films ist gelungen. Rahmungen, Symmetrien, Symbole und Ornamentalisierung wo man nur hinschaut. Und das zum Glück in Farbe! Höhepunkt war für mich die hervorragend gefilmte Fasnachtsszene, wo die Charaktere maskiert auftreten und das Licht sich immer genau der Gefühlslage der Protagonisten anpaßt: Vom grellen Rot ins gräulich Blaue. Auch die Musik mit ihren gegen Ende stetig zunehmenden Chor-Gesängen untermalt die Handlung dramaturgisch perfekt.

Ich kann den Film daher nur wärmstens empfehlen, gerade, wenn man sich für die Geschichte des deutschen Films interessiert: Einen vergleichbaren Film gab es im Dritten Reich wohl kaum. Der Film ist glücklicherweise hervorragend restauriert auf DVD und Bluray bei uns mit FSK-6-Freigabe erhältlich. Auch keine Selbstverständlichkeit bei Filmen aus der Zeit.

9/10
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Kommentare

27.04.2017 10:12 Uhr - NoCutsPlease
4x
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Beim lachenden Vampir findet man immer wieder ein paar interessante Beiträge fernab von Hollywood.
Eine verdammt schwierige Kiste solch eine Art von Film aus objektiver Sicht darzulegen, aber es ist dir sehr gut gelungen.

27.04.2017 10:27 Uhr - cecil b
3x
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Wow! Hochinteressant! Ich bin entzückt!

Dir ist ein tolles Review gelungen, das mMn gut ausgeglichen zwischen deinen persönlichen Sichtweisen und den Fakten verfasst ist!

Filmgeschichtlich sprichst du ja im Grunde auch an, dass der deutsche Film einer der bedeutendsten überhaupt war. Dass Riefenstahl und Co. diesen Nazischeiss inszeniert haben ist eine Sache, aber die andere ist, dass man wohl sagen kann dass die Ästhetik der Bilder aus Deutschland stammt.

27.04.2017 12:14 Uhr - Intofilms
2x
Ich stehe ja total auf den frühen Farbfilm-Kitsch der 40er-Jahre, insbesondere auf die quirligen Technicolor-Musicals aus Hollywood mit ihren knalligen Bonbonfarben und den aufwendigen, perfekt durchgestylten Choreografien wie zum Beispiel "The Gang's All Here" oder "Cover Girl". Am liebsten schaue ich so was, wenn die Laune mal richtig im Keller ist. Stimmungsaufhellende Wirkung garantiert. :)
Bei einem Titel wie "Opfergang" könnte ich wohl den politisch-historischen Kontext nicht ganz ausblenden. Eine unbefangene Feelgood-Stimmung dürfte sich daher kaum einstellen. Deshalb hält sich mein Sichtungsinteresse hier auch in Grenzen. Aber trotzdem gut und richtig, dass du uns auch einmal so einen Titel präsentierst. Rezi ist große Klasse, LV! ;))

28.04.2017 00:56 Uhr - Laughing Vampire
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Vielen lieben Dank für die Rückmeldung. :) Ich hoffe, bald mal wieder etwas regelmäßiger hier Kritiken schreiben zu können, in letzter Zeit fehlte leider komplett die Motivation. Aber wenn meine Beiträge hier so geschätzt werden, macht mich das froh! Gerade bei so sperrigen Titeln wie dem hier.

@Intofilms: Ja, den Technicolor-Kitsch mag ich tatsächlich auch ganz gerne, besonders, wenn die Farben richtig zur Geltung kommen! Das war schon ein sehr faszinierendes und einmaliges Verfahren -- mittlerweile ist die Technik ja komplett ausgestorben, die Werke existieren nicht mehr und niemand wird je wieder einen echten Technicolor-Film herstellen können... Ich hab mir auch vorgenommen, mich da in nächster Zeit genauer umzuschauen, die von dir genannten Titel werde ich auf jeden Fall im Auge behalten.

28.04.2017 06:43 Uhr - cecil b
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Immer her damit! :)

Ich kenne das auch, dass mal nichts geht.
Bei mir wird es demnächst nach langer Zeit wieder asiatisch, by the Way.

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