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Am Rande des Rollfelds

Originaltitel: La jetée

Herstellungsland:Frankreich (1962)
Genre:Drama, Science-Fiction, Kurzfilm
Alternativtitel:Am Rande des Rollfeldes
La jetée - Am Rande des Rollfelds
The Pier
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,67 (6 Stimmen) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von therealash:

Ein weiterer Sohn des schönen Neuilly-sur-Seine neben Jean Rollin ist der legendäre Chris Marker (der eigentlich einen französisch klingenden Namen hat, sich angliziert aber leichter merken lässt). Eine berühmt-berüchtigte Tochter jenes Pariser Vororts lassen wir jetzt mal beiseite. Denn heute soll es um die Inspiration für keinen anderen Film als 12 Monkeys gehen (der letztens hervorragend rezensiert wurde von unserem Lieblingsfilmhundekritiker Dicker Hund) und die aktuelle Folgeserie 12 Monkeys (die bisher leider noch niemand rezensiert hat). Am Rande des Rollfelds sei wiederum von Hitchcocks Mindbender-Klassiker Vertigo inspiriert (eindringlich vorgestellt vom Nachbarn des Beast Insanity667). So also schließt sich der Kreis.

Über Chris Marker gibt es auch schon gar nicht mehr so viel zu sagen, außer dass er beim Starphilosophen Jean-Paul Sartre studiert hat, den man wiederum nicht nur von reißerischen Filmen wie Die ehrbare Dirne oder Die schmutzigen Hände kennt (ein Schelm, wer hier Böses denkt), sondern auch vom bekannten Theaterstück Geschlossene Gesellschaft, aus dem der berühmte Satz "Die Hölle, das sind die anderen" stammt.

Diesen Satz muss sich Chris Marker wohl auch eigen gemacht haben, da er sich in seinen Reise- und Essayfilmen ebenfalls den Untiefen (aber nicht nur) der menschlichen Existenz widmet. Alles in allem ist Marker wohl einer der einflussreichsten Filmkünstler, dessen Meilenstein wohl vor allem dieser nur knapp 27 Minuten dauernde Kurzfilm-Fotoband-Soundtrack-Erzähl-Zeitreise-Essay namens Am Rande des Rollfelds oder im Original La Jetée heißt.

Soweit zur Vorgeschichte. Dieser Film ist quasi kein Film an sich, sondern eher eine Foto-Love-Story (und das mit der Liebe ist übrigens kein Witz), wie man sie aus der guten alten Bravo kennt. Wer das nicht glaubt, sollte den Film lieber nicht ansehen. Denn er besteht tatsächlich nur aus aneinandergereihten Fotos und ACHTUNG SPOILER! dem Aufschlagen eines Auges SPOILER ENDE! Hört sich langweilig an, ist aber ganz und gar nicht langweilig, sondern einer der faszinierendsten und verstörendsten Science-Fiction-Filme, die ich kenne.

Ich zitiere mal frei übersetzt aus dem Prolog:

"Das ist die Geschichte eines Mannes, der von einem Bild seiner Kindheit beherrscht wird. Die gewalttätige Szene, die sich ihm darbietet und dessen Bedeutung er erst viele Jahre später verstehen wird, passierte auf dem Hauptpier des Flughafens Paris-Orly, kurze Zeit vor dem Ausbruch des Dritten Weltkriegs."

Das nenne ich mal eine Einführung in eine Geschichte, die einen sofort packt. Wer 12 Monkeys kennt, weiß natürlich, was Bruce Willis am Ende passiert. Es ist gar nicht so leicht diese Vorlage zu beschreiben, da der Film tatsächlich nur aus Fotos besteht, die aneinandergereiht sind, aber natürlich mit ihren verschiedenen Winkeln, Größen und Einstellungen trotz alledem sehr filmisch wirken. Deshalb vergisst man die Technik auch bald und kann völlig in die Geschichte eintauchen. Wenn man bedenkt, dass dies alles nur über Fotos rübergebracht wird und eine Erzählstimme, gepaart mit Musik, Flüstern und Soundeffekten, ist das wirklich erstaunlich. Da braucht es kein CGI. Das ist pures Kino. Film in seiner Essenz.

Diesen positiven Eindruck verstärkt der geniale opernhafte Soundtrack, der zum Beispiel die Bilder vom zerstörten Paris perfekt untermalt. Auch das Set-Design und die Kostüme sind herausragend und haben Terry Gilliams Quasi-Remake wohl sehr geprägt, wie auch Gilliams phantastische Welt insgesamt, wie man vermuten kann. Man muss sich hier nur den gefangenen Protagonisten ansehen, der mit einer Art verkabeltem BH vor den Augen Experimenten ausgesetzt wird, die von grauen Herren mit Fernglasbrillen ausgeführt und kommentiert werden, die auch in Gilliams Brazil hätten mitspielen können.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein Mann reist durch die Zeit, von deutschsprechenden Wissenschaftlern gezwungen eine Lösung in der Vergangenheit zu finden, um die durch den Dritten Weltrkrieg zerstörte Zukunft zu retten. Freunde des gepflegten Science-Fiction-Films dürfen hier auch gerne an die Grundlage von Terminator denken. Wieder ein Film, der hiervon sicher nicht wenig beeinflusst wurde.

Der Held ohne Namen ist jedenfalls von einer gutaussehenden Frau besessen, die er als Kind am Flughafen gesehen hat, während ein Mann erschossen wurde. To make a long story short verliebt er sich auf seinen Zeitreiseparties natürlich in diese Frau, oder vielmehr war er wohl schon immer in sie verliebt, um am Ende zu merken ACHTUNG SPOILER, dass er selbst der Mann ist, der da am Flughafen erschossen wird, während er sich als Kind dabei beobachtet SPOILER ENDE.

Man muss schon zugeben, dass die Idee dieses Kurz-Foto-Erzähl-Films wirklich genial ist und eine der großen Science-Fiction-Geschichten insgesamt. Wer also Lust auf dieses ein wenig anstrengende Opa-Kino von 1962 hat, dem sei Am Rande des Rollfelds wärmstens ans über die verlorene Kindheit trauernde Herz gelegt.

Denn ihr wisst ja, vielleicht trefft ihr am Ende des Zeittunnels die Liebe eures Lebens - oder, was am schlimmsten ist: eure Mutter (wie Marty McFly das schaudernd erleben musste), die sich in euch verliebt.

"Luke, ich bin dein Vater," hat ein anderer Mal dazu gesagt.

In diesem Sinne: "May the schwartz be with you!"

10/10
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Kommentare

10.05.2017 00:52 Uhr - Horace Pinker
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Höchst interessante Kritik zu einem scheinbar von der Machart recht ungewöhnlichen aber dafür lohnenden Kurzfilm, von dem es dir gelingt mit deinen Formulierungen einen deutlichen Eindruck zu erschaffen. Wieder gute Arbeit Ash, wenn du so weiter machst wird man im S-Mart sicher bald deinen Lohn erhöhen ;)
P.S. Wie lang ist der Film eigentlich ungefähr und wo kann man den angucken (z.B. auf YouTube) ?

10.05.2017 05:55 Uhr - naSum
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Also mit 12 Monkeys bin ich nie warm geworden, aber die von dir beschriebene Machart mit den einzelnen Fotos klingt interessant. Auch wenn ich mir noch nicht ganz vorstellen kann, was mich da erwartet.
Da zapp ich auf jeden Fall mal rein.

10.05.2017 09:02 Uhr - NoCutsPlease
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Sehr sympathische Kritik, Rollfeld-Ash! :)
Damit hast du wieder einmal eindrucksvoll deine filmische Vielseitigkeit bewiesen.
Ich kenne den Titel nicht, aber in der IMDb scheint der auch sehr beliebt zu sein.

10.05.2017 10:04 Uhr - Dissection78
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Sieh einer an! In nicht mal einer halben Stunde gibt's hier Parallelen hinsichtlich "12 Monkeys", "Vertigo", "Brazil" sowie "Terminator" zu entdecken, Jean-Paul Sartre und Jean Rollin werden von Dir erwähnt und dann auch noch "Star Wars" und "Spaceballs" zitiert. Eine enorm kurzweilige Kritik zu einem außergewöhnlichen Werk. Wie sagt der Franzose? "Chapeau!", sagt der Franzose! :)

Jean-Paul Belmondo stammt übrigens auch aus Neuilly-sur-Seine. Doch wer zum Teufel ist diese "berühmt-berüchtigte Tochter jenes Pariser Vororts"? Spann mich doch nicht so auf die Folter, Herr Williams! Ist es Marine Le Pen? :'(

10.05.2017 11:30 Uhr - TheRealAsh
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@HP: der Film ist 27 Minuten lang und ich hab auch schon die Fassung in Bearbeitung, brauche allerdings noch Admin-Hilfe zu nem nichteingetragenen Titel, der auf der DVD mitdrauf ist. den Film gibts jetzt übrigens sogar auf Bluray von Criterion in Codefree. Ich hab nur die DVD aus UK

@naSum: tu das, hat letztlich nur die Grundkonstellation und Stimmung/Design mit 12Ms gemeinsam und ist letztlich was völlig anderes;-)

@NCP: danke!!!

@Dissection78: Danke! 100 PUNKTE für dich!!! Ich hätte gerne Niki de Saint Phalle gesagt, meinte aber die von dir erwähnte. Als Gewinn kriegst du eine Tüte Macaronen;-)

10.05.2017 20:49 Uhr - cecil b
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So eine interessante Vorstellung! Schön, dass du die hier veröffentlichst! Danke dafür!

10.05.2017 21:06 Uhr - TheRealAsh
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Gerne:-D Schön, dass du wieder da bist!

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