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Meshes of the Afternoon

Herstellungsland:USA (1943)
Genre:Kurzfilm
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,50 (2 Stimmen) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von therealash:

Ich habe ein paar Filme, die ich mir immer wieder anschauen kann, wenn es zu spät in der Nacht für einen ganzen Film ist oder ich zu müde bin und mich noch selig von den bewegten Bildern der Camera Obscura in den Schlaf sinken lasse. Das sind nicht immer Kurzfilme, aber in diesem Falle, neben La Jetée eben wieder einer jener kurzen, aber würzigen Flicks, die mitunter ihren botanischen Stempel in der Filmgeschichte hinterlassen haben. Heute ist es der 14-minütige Stummfilm Meshes of the Afternoon von 1943, gedreht im schönen Hollywood und musikalisch stimmig untermalt von Teji Ito, über den ich sonst nichts weiß, nur dass die Regisseurin dieses Kurzfilms irgendwann mit ihm verheiratet war.

Die Handlung, wenn es denn so eine überhaupt gibt, ist mal wieder schnell erzählt. Oder vielleicht auch nicht so schnell.

Hollywood. 1943.

Es ist sonnig. Eine Hand legt von oben kommend eine Blume (vielleicht blühender Mohn) auf einen Weg. Eine lockige und schlanke Frau nimmt sie auf und geht einen Weg zu einem Haus hoch. Die Frisur sitzt. Perfekter Halt. Drei Wetter Taft. Sie lässt einen Schlüssel fallen, geht in das Haus, betrachtet ein Brot auf dem Tisch und irrt durch die Zimmer, dreht und wendet sich, lehnt sich aus dem Fenster, guckt herum und weiß irgendwie nicht so recht, was sie mit sich tun soll.

Seltsam. Sogar sehr seltsam.

Von unten hochkommend, den sonnigen Weg, schreitet ein schwarz gekleideter Mann mit Kapuze. Oder ist es eine Frau in Burka? Ganz schön nervenaufreibend. Wieder dreht sich die Frau im Haus verwirrt und verstört. "Was ist denn das? Was ist denn das?" denkt sie. Dann zieht sie einen Schlüssel aus dem Mund. "Lecker? Oder nicht lecker?" Das sind hier die Fragen. Der Kapuzenmann in Black geht ins Schlafzimmer, legt die Blume aufs Bett, während die Frau durch die Tür kommt und ihn ansieht. Aber anstatt eines Gesichts hat er einen Spiegel als Gesicht. Gruselig! Obgleich von den etwas dürftigen Special Effects leider ein Kind seiner Zeit. Wir sind ja im Jahr 1943. Da gab es bekanntlich wenig CGI.

Wieder verwirrt flüchtet die Frau, hat abwechselnd ein Messer und einen Schlüssel in der Hand, oder einen Schlüssel, der ein Messer wird und andersherum. Was passiert weiter? Man sieht die Frau schlafen. Man sieht sie wach. Man sieht sie am Frühstückstisch bei einer Stulle Brot mit mehreren Versionen von sich selbst. Plötzlich hat sie eine seltsame Fliegenaugenbrille an, das Messer zum Angriff in der Hand haltend. Ist sie eine Außerirdische? Ist sie die Frau aus einer anderen Welt?

Wieder schläft sie. Nun läuft sie einen Strand entlang. Das Meer wackelt vor sich hin. Sie hat ziemlich hässliche Sandalen an, die aus Ben Hur sein könnten. Dann geschieht es: Sie steckt einer schlafenden Version von sich ein Messer in den Mund. Sie erwacht. Plötzlich ist da ein Mann, vor dem sie erschrickt. Ihr Ehemann? Ihr Geliebter? Der Mann nimmt ein Telefon am Fuß der Treppe mit und geht ins Schlafzimmer. Die Frau folgt ihm und sieht sein Gesicht in einem Spiegel. Diesmal ein echter Spiegel und kein Kapuzenmann mit Spiegel vors Gesicht geklebt. Die Frau legt ihren Kopf aufs Bett, neben sich wieder die geheimnisvolle Blume. "Eieiei, das ist aber auch ein Ding mit dem Bewusstsein," denkt sie. Das Bewusstsein: Das Ding aus einer anderen Welt.

Jetzt wird es fast erotisch. Aber nur fast. Der Mann streichelt die Frau. Kommt es zum Koitus? Nein! Sie guckt ihn nur kritisch an. Wahrscheinlich hat sie Kopfschmerzen. Vielleicht nervt er sie aber auch. Vielleicht hat er vergessen Marmelade und Butter fürs Brot zu kaufen. Männer eben. Am besten wieder Augen zu und zurück in irgendeinen Traum. Dann tatscht er nicht. Am Strand, zwischen Ebbe und Flut, zerschlägt ein Spiegel im Sand und wird ins Meer gezogen. Schade drum.

Nun zum schockierenden Finale. ACHTUNG SPOILER! Wieder zurück am Haus hebt der Mann draußen die Blume auf und versucht die Tür zu öffnen. Er findet innen einen kaputten Spiegel und die Frau im Sessel mit dem Messer in der Hand. Sie hat sich umgebracht. SPOILER ENDE.

Hört sich komisch an, ist aber sehr geil. Natürlich handelt es sich hier um einen Mystery-Experimental-Thriller, der durchaus in einer surrealistischen Linie mit Ein andalusischer Hund und Konsorten steht. Für das Jahr 1943 ist das sehr groß und dann auch noch die Tatsache, dass er in Hollywood gedreht wurde, ist schon interessant. Regisseurin ist die in der Ukraine geborene und leider viel zu früh in New York verstorbene Maya Deren, die auch eine avantgardistische Ausdruckstänzerin war, was man im Film ebenfalls sieht. Sie war in Gesellschaft illustrer Künstler und Drogen scheinbar nicht ganz abgeneigt. Ihr Vater war außerdem wohl Psychiater, was natürlich sicher nicht ganz einfach war.

Was aber ist das besondere an diesem kurzen Verwirrspiel? In der Kunstwelt ist Meshes of the Afternoon wohl allgemein anerkannt. Der Regisseur Stan Brakhage sagt über Maya Deren sogar: "She is the Mother of us all." Und wirklich, der Film zieht weite Kreise, je länger man darüber nachdenkt und je öfter man ihn sich ansieht. Er zieht einen mit seinen abgehackten Fragmenten und Symbolen in seinen Bann.

Denn die Grundstory hört sich eigentlich ziemlich bekannt an: Eine Frau hat Halluzinationen, verliert sich ein bisschen in Raum und Zeit, dann ist da noch die Realität und am Ende erfahren wird, dass sie eigentlich schon längst tot ist und sich wohl sogar umgebracht hat. Wer jetzt an Mulholland Drive vom guten David Lynch denkt, liegt gar nicht so falsch. Einige Zutaten stimmen perfekt: Hollywood. Eine Frau, die sich über ihre Identität nicht ganz sicher ist. Ein Schlüssel. Ein Ende mit Schrecken. Man kann quasi sagen, dass diese Mother-of-us-all vielleicht eine derjenigen war, die einen der ersten Hirnfickfilme gezaubert hat, die wie Fight Club, Inception und wie sie alle heißen die Wahrnehmung des Protagonisten und auch des Zuschauers in Frage stellen und krass verzerren.

Kurzum, Meshes in the Afternoon ist für mich ein Film für viele Abende, der natürlich nicht jedem gefallen wird. Aber, und das ist der springende Punkt, immerhin kann man ihn sich mal anschauen. 14 Minuten sind für sowas wirklich nicht zu viel. Und wer weiß, vielleicht findet der ein oder die andere ja auch noch weitere Einflüsse, die noch gar nicht entdeckt wurden.

Leider ist der Film recht schwer zu bekommen und meines Wissens nur noch in Frankreich auf einem kleinen Experimentalfilm-Label namens Re:Voir erhältlich, von denen ich auch meine Version habe.

Maya ist übrigens für ihre Zeit ein absolutes Hottie, die Grips, Weiblichkeit, Können und Selbstbewusstsein perfekt in sich vereint.

Also, nicht verwirren lassen, sondern die Worte des weisen Slayer-Shouters Tom Araya immer im Hinterkopf behalten, der in dem Song Seasons in the Abyss genau beschreibt, um was es da geht, wenn man tot ist und es noch nicht weiß:

"Close your eyes. Look deep in your soul. Step outside yourself. And let your mind go. Frozen eyes stare deep in your mind as you die."

Frohes Sterben im Sixth Sense!

 

10/10
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Kommentare

12.05.2017 00:01 Uhr - naSum
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Den botanischen Stempel hast du sehr farbenfroh angemalt.

12.05.2017 00:15 Uhr - TheRealAsh
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Danke, ich habe heute eine Rose für dich!

12.05.2017 01:18 Uhr - Dissection78
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Alda! Was soll'n dit? Biste jezze so druff, dass de Filme magst, wo ick och mag? Wat kommt als Nächstes? Wat von Kenneth Anger? Un wo is de Ros' für mich?

12.05.2017 01:39 Uhr - TheRealAsh
1x
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Tatsächlich hätte ich heute fast Anger geschaut.

Aber klar, ich habe natürlich auch eine Rose für dich!

12.05.2017 08:42 Uhr - JasonXtreme
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Nie von gehört, klingt aber interessant! Zu dem Kurzfilm hast Du ja eine wahre Arbeit geschrieben, sehr fein :-)

12.05.2017 14:04 Uhr - Horace Pinker
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Da hat wohl jemand gerade einen Kurzfilmmarathon absolviert ;) Schön geschriebene, wunderbar verspielte und interessant aufgebaute Kritik, die einen guten Eindruck zu einem mir bisher vollkommen unbekannten Werk verschafft.

12.05.2017 20:13 Uhr - cecil b
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Den Film will ich gucken. Deine kreativen Reviews immer lesen!

12.05.2017 22:31 Uhr - TheRealAsh
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Dank euch, obwohl ich eigentlich gar kein kurzfilmfan bin, kenn mich aber bei den neuen Sachen auch nicht aus, shocking shorts und so hab ich nie gesehen

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