SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Dying Light 2 uncut PS4 · Der Nachfolger des Zombie-Krachers. Mehr Blut! · ab 64,99 € bei gameware Exploding Kittens NSFW Edition · Das explosionsstärkste Katzen ähm Kartenspiel · ab 16,99 € bei gameware

Die Story

Herstellungsland:Deutschland (1984)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Action, Drama, Erotik/Sex, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (1 Stimme) Details
eine kritik von laughing vampire:

Nachdem sich Schnittberichte-User TheRealAsh kürzlich Eckhart Schmidts bekanntestem Film, "Der Fan" von 1982, in einer sehr gelungenen Kritik angenommen hatte, wollte ich auch gerne ein Werk dieses deutschen Ausnahmeregisseurs vorstellen. Meine Wahl fiel dabei auf "Die Story" von 1984, Schmidts fünfter Spielfilm und mein persönlicher Favorit. Im Gegensatz zum "Fan", der mittlerweile sogar in Japan eine Bluray-Veröffentlichung erhielt, ist dieser Film meines Wissens nach ausschließlich bei uns erschienen, zuletzt als ganz gelungene DVD-Ausgabe in der "Eckhart Schmidt Collection" von 2007 -- die übrigens zu immer höheren Preisen versteigert wird, weshalb es sich für Interessenten sicherlich lohnen dürfte, schnell zuzuschlagen.

Dieser Film erzählt die Geschichte eines Reporters einer fiktiven Münchner Boulevardzeitung, Raoul, der einem Drogenring auf die Spur kommt. Doch er unterschätzt dessen Einfluß und Macht in der zugekoksten High Society, und so wird Raouls Freundin Raphaela eines Nachts brutal ermordet. Raoul setzt nun alles daran, den Ring zu zerschlagen.

Was nach einer relativ üblichen Krimi-Handlung klingt, wird von Schmidt jedoch derart bizarr und theatralisch in Szene gesetzt, daß bereits nach wenigen Minuten jeglicher Bezug zur Realität flöten geht und man sich als Zuschauer in einem astreinen Arthouse-Actionthriller wiederfindet, wie man sie etwa aus dem Hongkong-Kino der 90er-Jahre kennt: Der aus dem Bereich der bildenden Kunst stammende Schmidt liebt es, seine stets wunderschön gefilmten Werke mit Allegorien und Referenzen sowohl zur klassischen Literatur wie auch zum zeitgenössischen Genrefilm vollzupacken. Dies hat den Effekt, daß man einerseits hervorragend unterhalten wird, andererseits aber auch intellektuell stimuliert -- wenn man sich denn darauf einläßt.

Schmidt ignoriert es bewußt, seinen Figuren psychologische Tiefe zu verleihen, und macht sie zu Spielbällen ihrer Umwelt: Der beinharte Reporter Raoul wird zum stummen Rächer, der mit ebenfalls herrlich überzeichneten, stereotypisierten Charakteren konfrontiert wird: Der schmierige Chefredakteur, das Schickeria-Luder, der Dealer... Ebenso die stets übertrieben theatralischen Dialoge, die mit dem modernen Setting kontrastieren. Reinste Postmoderne.Und verdammt unterhaltsam. Bezeichnend dafür ist auch, daß Schmidts Figuren seit seinem Erstling "Jet Generation" von 1968 immer wieder dieselben Namen haben: Raoul (der Protagonist), Raphaela (die Geliebte) und Frank (der Antagonist) tauchen immer wieder in den verschiedensten Verkörperungen auf, sind also beinahe schon Meta-Figuren im Gesamtwerk des Regisseurs. Lediglich in "Der Fan" treten sie, soweit ich mich erinnere, nicht auf.

Was "Die Story" jedoch zu einem ganz besonderen Erlebnis macht, ist die psychedelische Ethno-Synthpop-Musik von Sal Paradise, die beinahe ununterbrochen im Hintergrund spielt und die hypnotische Sogwirkung verstärkt. Schmidts Einsatz von Musik ist für den deutschen Film sehr ungewöhnlich, hingegen anderswo durchaus häufig anzutreffen (etwa in den französischen Post-Nouvelle-vague-Filmen) und vielleicht eine Frage der Gewöhnung oder des Geschmacks. Mir gefällt so etwas jedenfalls sehr gut. Der Film wird dadurch gemäß seiner Thematik ebenfalls zu einem wahren Rausch.

"Die Story" ist für mich ein kleines Meisterwerk des deutschen Films nicht nur der 80er-Jahre, völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Offenbar lief der Film damals durchaus erfolgreich im Kino, die damalige Kritik konnte mit Schmidts einzigartigen Stil jedoch nie etwas anfangen und verriß seine Werke regelmäßig -- was in progressiveren Filmregionen garantiert nicht passiert wäre. Ich hoffe sehr, daß das Gesamtwerk dieses immer noch aktiven Regisseurs und Dokumentarfilmers (letztes Jahr erschienen drei neue Spielfilme von ihm, Heimkino-Veröffentlichungen sind jedoch noch nicht angekündigt) ein Revival erfährt und er endlich den Platz in der bundesdeutschen Filmgeschichte erhält, der ihm zusteht.

P.S.: Ein junger Ulrich Tukur ist hier ebenfalls in einer Nebenrolle zu sehen. :)

9/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Real
Laughing Vampire
9/10
Rosetta
Laughing Vampire
8/10
Scent
Laughing Vampire
8/10
Battle
Laughing Vampire
6/10
die neuesten reviews
Malone
Punisher77
7/10
Hellraiser:
Cabal666
4/10
Passagier
TheMovieStar
7/10
Masters
Lars Vader
9/10
Kill
Kaiser Soze
9/10
Kill
Kaiser Soze
9/10

Kommentare

24.06.2017 23:30 Uhr - dicker Hund
1x
User-Level von dicker Hund 15
Erfahrungspunkte von dicker Hund 3.859
Begriffe wie "Postmoderne" irritieren mich bei einem 33 Jahre alten Film. Anspielungen auf andere Werke sind in meinen Augen nicht mehr als eine nette Dreingabe. Und ob "stereotypisierte Charaktere" oder "übertrieben theatralische Dialoge" bei mir als Pluspunkte durchgehen würden, weiß ich nicht so recht. Sollte mir der "Fan" zusagen, werde ich mich aber wahrscheinlich an diese schön eckige Kritik erinnern.

25.06.2017 06:24 Uhr - Laughing Vampire
1x
DB-Helfer
User-Level von Laughing Vampire 5
Erfahrungspunkte von Laughing Vampire 339
"Postmodern" benutzt man allerdings häufig für Filme einer gewissen Machart ab den 80er-Jahren, die über eine bestimmte Selbstreferentialität und Intertextualität verfügen, der Begriff ist schon bewußt gewählt. Und ja, der Rest ist Geschmacksache. Viele Kritiker konnten und können damit nichts anfangen, ich als Fan absurder Werke vertrete sicherlich eine Minderheitenmeinung. Aber hey, ein Tarantino etwa macht doch auch nichts anderes. Mal reinschauen in diese vergessenen Filme lohnt sich sicher. :)

25.06.2017 13:28 Uhr - TheRealAsh
1x
User-Level von TheRealAsh 10
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 1.350
Lieber Laughing Vampire, eine sehr gelungene Review zu einem geilen Film, ne? Du beschreibst das recht gut, Schmidt fängt mit übersichtlichen Handlungen an und dreht dann völlig ab. Außerdem hat er natürlich einen Riesenüberbau bei seinem gesamten Werk. Das, was ihm so viele Kritiker immer vorgeworfen haben, ist natürlich, wie du schreibst mit der fehlenden psychologischen Tiefe etc. bei ihm völlig bewusstes Programm. Das wäre wie wenn man Gaspar Noe vorwerfen würde, "schöne Filme, aber diese ganze Hektik und Schnitte sind doch nicht so gut gelungen."

Musik ist auch wieder geil, stimmt und auch hier wieder für mich ein direkter Verweis auf jemanden wie Noe. Eine sehr eindringliche und hypnotische, wie sehr sehr eigene Regie, die wirklich nachwirkt. Verdammt, Schmidt ist so ein geiler Regisseur, der in der deutschen Kritikerlandschaft echt Perlen vor die Säue geworfen hat. Schmidt ist ein vollkommen unterschätzter und vernachlässigter Filmemacher. Ein Hoch auf Eckhardt Schmidt!

Kann nicht mal jemand ein Buch über seine Filme machen, oder kennst du da was? Mir ist nichts bekannt.

25.06.2017 17:19 Uhr - Laughing Vampire
1x
DB-Helfer
User-Level von Laughing Vampire 5
Erfahrungspunkte von Laughing Vampire 339
Lieber TheRealAsh, genau so sieht's aus! Noé ist auch ein interessanter Vergleich. Und ich habe da auch bereits etwas gesucht, das einzige, was das Internet ausspuckt, ist ein kleines Büchlein namens "Ritual und Romantik: Das Kino des Eckhart Schmidt" von 1997. Akademisch wurde er bislang scheinbar wirklich vernachlässigt. Schmidt selbst schreibt ja auch recht viel, seine Romane usw. werde ich mir auf jeden Fall auch noch ansehen!

An meiner Uni (Zürich) arbeiten übrigens einige recht angesehene Filmwissenschaftler, die regelmäßig über Filme publizieren. Ich denke, ich werde den einen Prof dort mal anhauen, der sich gerne mit formell und stilistisch interessanten Filmen auseinandersetzt. :) Vielleicht kennt der was oder hätte selbst Interesse.

25.06.2017 18:10 Uhr - TheRealAsh
User-Level von TheRealAsh 10
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 1.350
so muss das sein! Oder vielleicht schreibst du auch etwas dazu?

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)