SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Assassins Creed Valhalla · Schreibe deine eigene Wikingersaga · ab 58,99 € bei gameware The Dark Pictures: Little Hope · Rette deine Seele · ab 29,99 € bei gameware

Gangs of New York

Herstellungsland:USA (2002)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Action, Drama
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,21 (46 Stimmen) Details
inhalt:
New York Mitte des 19. Jahrhunderts: Zwei Männer betreten den Paradise Square. Hinter ihnen rhythmisches Aufstampfen von Füßen. Priest Vallon, Anführer der irischen 'Dead Rabbits', und William Cutting, Bandenchef der 'Natives', wollen nur das Eine, den Tod des Anderen. 16 Jahre später: Priest Vallons Sohn Amsterdam kehrt zurück in das Elendsviertel Five Points. Er hat nur noch einen Gedanken im Kopf, sich an dem Mann rächen, der seinen Vater getötet hat: William Cutting, genannt 'Bill the Butcher'. Amsterdam weiß, dass er zunächst das Vertrauen von Bill erlangen muss. Ein gefährliches Unterfangen, dass sich zuspitzt als er der verführerischen Taschendiebin Jenny Everdeane...
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von ivan_danko:

Neben Robert DeNiro gehört Leonardo DiCaprio sicher zu Martin Scorseses Haus- und Hofschauspielern. Nicht weniger als fünf Großproduktionen drehten DiCaprio und der Meister-Regisseur seit 2002 gemeinsam ab, dabei wurden verschiedenste Genres wie Film-Biographie ("Aviator"), Mystery-Thriller ("Shutter Island"), Mafiafilm ("The Departed") oder Börsen-Satire ("The Wolf Of Wall Street") abgehandelt. Jeder der Filme ist eine Klasse für sich, mangelnde Story und Qualität kann man wohl keinem dieser Meisterwerke nachsagen. Insgesamt wurden 9 Oscars und zahlreiche andere Preise gewonnen, unzählige weitere Nominierungen wären ebenfalls zu erwähnen.

Gleich 10 Oscar-Nominierungen auf einmal bekam 2002 allerdings schon die erste Zusammenarbeit der beiden Hollywood-Größen, die lose auf einem Buch von Herbert Asbury aus dem Jahr 1927 basiert. Der angebliche Tatsachenbericht (Kritiker zweifeln die vollkommene Authentizität durchaus an) erzählt über die tobenden Bandenkriege in der von der Mafia dominierten Prohibitionszeit im Amerika der 1920er Jahre. Scorsese übernahm später zwar die Bandenkriege für seinen Film, verlegte die Handlung aber ins mittlere bis späte 19. Jahrhundert und änderte die Gegnerschaften auf Einheimische (Natives) und irischstämmige Einwanderer (Dead Rabbits) ab. Heraus kam dabei ein nicht zu verachtender Beitrag zum Monumentalkino, der zwar mit durchwachsenen Kritiken zu kämpfen hatte, aber trotzdem ein großer Kassenerfolg wurde:

 

GANGS OF NEW YORK

 

Gerade die Story des epischen Werkes wurde häufig als "nur" durchschnittlich bezeichnet, was eigentlich vollkommen untypisch für einen Scorsese Film ist. Und tatsächlich ist die Handlung wirklich nicht gerade originell, es handelt sich um eine klassische Rachegeschichte, die allerdings hochprofessionell in atemberaubende Kulissen, große Schlachten, detailfreudige Kostümierung und eine perfekt abgestimmte Filmmusik verpackt wurde. 

Apropos Kulissen: Regisseur Scorsese und Produzent Harvey Weinstein ("Silver Linings") ließen ganze Straßenzüge und auch den Hafen des alten New York in den legendären Cinecittà-Studios in Rom nachbauen, was zwar eine realistische Darstellung ermöglichte, gleichzeitig aber angeblich auch zu enormen Budgetüberschreitungen mit daraus folgenden Einmischungen und Streitigkeiten führte. Trotz dieser Schwierigkeiten im Vorfeld und der etwas mauen Handlung spielte "Gangs Of New York" alleine in den USA fast 200 Mio. Dollar ein und konnte somit negative Nachwirkungen der nicht ganz unproblematischen Drehphase gänzlich vermeiden. 

Warum also die teils negativen Kritiken? Leider können die großen Namen, mit einer Ausnahme, auf die ich später näher eingehen werde, nicht vollständig über die mangelnde Substanz des Drehbuchs hinwegtäuschen. Bereits zu viele Filme haben sich in der Vergangenheit mit der Thematik "Sohn rächt Vater oder anderes Familienmitglied" befasst, hier ist damit der Hauptteil des fast dreistündigen Werkes bereits abgedeckt. Dies ist meiner Meinung nach einfach zuwenig für vollkommene Perfektion, nebenbei bemerkt hat Scorsese das Untergraben der feindlichen Reihen in seinem Gangster-Film "The Departed" später durchaus vielschichtiger und handlungsstärker dargestellt.

Was auf den ersten Blick relativ hart klingen mag, relativiert sich allerdings bei der Erwähnung der positiven Aspekte des Monumentalepos. Wie bereits erwähnt, wurde das New York des 19. Jahrhunderts realistisch und eindrucksvoll nachgebaut, auch die gesellschaftlichen Schichten und Eigenarten der damaligen Zeit wirken authentisch und nicht nur aufgesetzt. Gast- und Handwerksstätten, Dirnenhäuser und weitere wunderbar detailreich konstruierte Gebäude sind absolute Referenz, genau so kann und sollte man diese Epoche darstellen. Auch der Original-Score von Howard Shore ("Herr Der Ringe") fügt sich passend ins Gesamtbild ein und bildet, mal zurückhaltend begleitend, mal dramatisch dominierend, ein wichtiges Bauteil des fertigen Films.

Die groß angelegten Schlachten zu Beginn und gegen Ende des Films wurden eindrucksvoll inszeniert und sind durchaus blutig und intensiv, können sich aber leider nicht mit der archaischen Wucht eines "Braveheart" oder "Gladiator" messen. Streckenweise wurden die Schnitte einfach etwas zu steril gesetzt, die dreckige und erbarmungslose Grundstimmung einer wirklich rauhen Epoche hätte man eindeutig etwas radikaler und detailfreudiger darstellen können, was allerdings durchaus verschmerzbar ist. Technisch gibt es hier wenig auszusetzen, auch die Bildsprache der leider kürzlich verstorbenen Kamera-Legende Michael Ballhaus ("Goodfellas") befindet sich auf gewohnt hohem Niveau.

Leonardo DiCaprio spielt seine Hauptrolle als Racheengel Amsterdam Vallon routiniert und legt bewusst sein Image als Frauenschwarm deutlich ab. Trotz der damals noch etwas jugendlichen Erscheinung und der eingearbeiteten Liebesgeschichte merkt man klar, dass sich genau zu diesem Zeitpunkt sein Wandel zur absoluten Schauspielgröße der gehobenen Kategorie vollzogen hat. Als klassische Fehlbesetzung muss man allerdings Cameron Diaz ("Verrückt Nach Mary") als Diebin und Geliebte Jenny Everdeane einstufen, sie wirkt leider etwas deplaziert und ob der ernsten Rolle schlicht und ergreifend überfordert. Schauspielerische Großkaliber wie Liam Neeson ("Ruhet In Frieden"), Brendan Gleeson ("The Guard") und John C. Reilly ("Der Gott Des Gemetzels") sind ebenfalls in mehr oder weniger tragenden Rollen vorzufinden, haben aber wie DiCaprio und Diaz ein wirklich großes Problem:

Daniel Day Lewis ("Der Letzte Mohikaner") heißt dieses Problem, und ich meine das in absolut positiver Hinsicht. Geradezu gnadenlos spielt er den gesamten namhaften Cast vollkommen an die Wand, sein Bill "The Butcher" Cutting hätte einfach nicht annähernd besser besetzt werden können. Respektierter Anführer, verblüffend poetischer Mentor, charismatischer Gesprächspartner und wuchtiger Berserker alle in einer Person, Daniel Day Lewis liefert hier wohl die schauspielerische Leistung seines Lebens ab. Fast schon dramatisch, dass die Academy damals Adrien Brody's wohlgemerkt ebenfalls beeindruckend gespielten Pianisten für die Oscarverleihung vorzog. Meiner Meinung nach eine klare Fehlentscheidung, so unglaublich viele Facetten wie Lewis hier zeigt, sucht einfach seinesgleichen und findet sich nur in den wirklich allerhöchsten Charakterdarstellerkreisen. Der Beiname "The Butcher" kommt übrigens nicht von ungefähr, Daniel Day Lewis lernte im Vorfeld viel über das Metzgerhandwerk, um seine Rolle noch realistischer darstellen zu können als es ohnehin der Fall war. So wirkt sein Umgang mit dem Hackebeil und anderen Schnittwerkzeugen derart gekonnt, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Eben eine weitere Demonstration eines absoluten Perfektionisten.

Da mich die schiere Wucht der Bilder einfach vom Sessel gehoben hat, hätte ich nach meiner ersten Sichtung des Films im Kino ohne zu zögern die vollen 10 Punkte vergeben, ähnlich erging es mir kurz darauf beim zweiten Mal. Nachdem mittlerweile fast 15 Jahre vergangen sind muss ich heute sagen, dass die leichten Störfaktoren wie die etwas unkreative Handlung, leicht schwankende Schauspielerleistungen und ein wenig zu saubere Schlachten doch mehr ins Gewicht fallen als ich damals realisiert hatte. Trotz allem bleibt "Gangs Of New York" ein technisch perfektes, spannendes und monumentales Stück Kinogeschichte, das von mir noch immer hervorragende, aber knappe 9 Punkte erhält.

 

9/10
mehr reviews vom gleichen autor
die neuesten reviews
Casshern
The Machinist
8/10
Mile
Kable Tillman
3/10
Reichsführer-SS
hudeley
3/10
Halloween
TheMovieStar
5/10
Cell,
sonyericssohn
10/10
Horde,
dicker Hund
8/10

Kommentare

27.06.2017 22:01 Uhr - Punisher77
3x
DB-Helfer
User-Level von Punisher77 14
Erfahrungspunkte von Punisher77 3.500
Meine Hochachtung, Captain Danko! Ein echtes Mammut-Review, informativ und kompetent verfasst, so dass man die abschließende Bewertung jederzeit nachvollziehen kann.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich den Film erst einmal gesehen habe und das ist locker zehn Jahre her. Dein Review macht Lust auf `nen Rewatch!

27.06.2017 23:51 Uhr - Ivan_Danko
1x
User-Level von Ivan_Danko 5
Erfahrungspunkte von Ivan_Danko 313
Danke Bestrafer! Bei Dir freut es mich immer ganz besonders, wenn Dir mein Gekritzel gefällt, weil wir beide einfach einen sehr ähnlichen Grundgeschmack haben. Action wem Action gebührt :-))

28.06.2017 08:40 Uhr - JasonXtreme
2x
DB-Co-Admin
User-Level von JasonXtreme 13
Erfahrungspunkte von JasonXtreme 2.538
Hervorragend rezensiert! Sehr schön formuliert, und einfach meine Meinung :D super Streifen mit guten Darstellern und einem göttlichen Daniel Day Lewis - der sich meiner Meinung nach in THERE WILL BE BLOOD aber nochmal selbst toppen konnte.

28.06.2017 08:52 Uhr - Ivan_Danko
2x
User-Level von Ivan_Danko 5
Erfahrungspunkte von Ivan_Danko 313
Danke Jason! Das Ding hat mich einige Mühe gekostet, war sicher das mit dem größten Zeitaufwand meinerseits.
Bei Daniel hast Du vollkommen recht, auch bei TWBB war seine Leistung makellos. Im Namen des Vaters oder der Mohikaner, der hat so viele geile Rollen gespielt und war immer nahe an der Perfektion, ist echt schwer, da die beste zu finden.

28.06.2017 10:09 Uhr - JasonXtreme
2x
DB-Co-Admin
User-Level von JasonXtreme 13
Erfahrungspunkte von JasonXtreme 2.538
Nicht umsonst dreimal Oscar für sein Schauspiel insgesamt :) der hats drauf!

28.06.2017 11:04 Uhr - Ivan_Danko
2x
User-Level von Ivan_Danko 5
Erfahrungspunkte von Ivan_Danko 313
Und grade für den hier nicht... WIrklich schade, hab nichts gegen den Brody, aber trotzdem wurde wohl berücksichtigt, dass er zu diesem Zeitpunkt noch keinen hatte.

28.06.2017 15:39 Uhr - Intofilms
1x
Mein Lieblings-DiCaprio/Scorsese-Film ist "The Departed". Aber dieser hier ist natürlich auch ein absolutes Brett. Deiner Wertung schließe ich mich sofort an.
Ballhaus habe ich kürzlich gedacht, indem ich mir nach knapp 15 Jahren wieder mal Geißendörfers "Zauberberg"-Verfilmung in voller Länge/Pracht angeschaut habe. Ja, Ballhaus war wirklich ein ganz Großer hinter der Kamera und Scorsese hat das wohl genauso gesehen. Da erwacht in mir doch glatt der Nationalstolz... :))

Ich kann mich nur wiederholen: Du schreibst unverschämt gut, Ivan (was natürlich auch für deine "Passwort: Swordfish"-Rezi gilt)!
Schon toll, was man hier so alles geboten bekommt...! :)))

28.06.2017 16:03 Uhr - Ivan_Danko
2x
User-Level von Ivan_Danko 5
Erfahrungspunkte von Ivan_Danko 313
Danke Intofilms! Auch bei mir sieht es genau gleich aus, The Departed ist auch mein Favorit der Beiden.

28.06.2017 17:44 Uhr - Pratt
1x
DB-Helfer
User-Level von Pratt 23
Erfahrungspunkte von Pratt 11.828
Sehr starkes Review, zu einem tollen Film, der wohl ein recht realistisches Bild jener Tage entwirft, nur schade das Liam Neeson nur so kurz im Film mitwirkte... . Ich muss gestehen, dass ich kein großer Scorsese Fan bin und mir meist eher seine etwas "untypischeren" Filme gefallen vorallem aber Kap der Angst, Taxi Driver und eben GoNY ...

28.06.2017 20:28 Uhr - Ivan_Danko
1x
User-Level von Ivan_Danko 5
Erfahrungspunkte von Ivan_Danko 313
Danke Pratt! Scorsese ist vielschichtig, aber auch immer auf sehr hohem Niveau. Am stärksten ist er sicher bei seinen Thrillern (Kap der Angst, Shutter Island, Taxi Driver...), da hast Du absolut recht.
Goodfellas ist für mich allerdings ein absolut zeitloser Klassiker und wird natürlich vom großartigen Robert De Niro noch zusätzlich geadelt. Schwer zu sagen, aber ich würde den als meinen Lieblings-Scorsese einordnen.
Mir gefällt im Gegensatz zu anderen "Star-Regisseuren" aber durchaus, dass er sein Ding durchzieht, immer Anspruch bewahrt und nicht so sehr in kompletten Kommerz abdriftet.

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)