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naSum
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Eintrag: 11.09.2017

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Der Satan mit den langen Wimpern



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Montana Sacra - Der heilige Berg

(The Holy Mountain)
Herstellungsland:Mexiko, Großbritannien, USA (1973)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Drama, Fantasy
Alternativtitel:Montana Sacra
Montaña sagrada, La
Sacred Mountain, The
Subida al Monte Carmelo

Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,75 (12 Stimmen) Details
inhalt:
Der Dieb irrt ziellos durch eine verkommene, verdorbene Stadt. Auf der Spitze eines Turms trifft er den Alchimisten. Der Erleuchtete versammelt gerade eine Gruppe mystischer Wesen um sich. Gemeinsam mit ihnen will er sich auf die Suche nach dem sagenumwobenen Heiligen Berg machen, denn auf dessen Gipfel sollen neun Unsterbliche das Geheimnis des ewigen Lebens hüten. Neun mächtige Herausforderer sind vonnöten, um es mit den Hütern aufzunehmen und ihnen das Geheimnis zu entreißen. Mit dem Dieb ist die Gruppe endlich komplett…
eine kritik von nasum:

 

 

Alejandro Jodorowsky über die Unsterblichkeit und das Göttliche:

 

1973 inszenierte der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky nach seiner individuellen Selbstfindung in El Topo ein weiteres Werk spiritueller Aussagekraft. Diesmal erweitert er seinen Blickwinkel dabei über das Individuum hinaus und kreiert einen surreal-alptraumhaften Trip, der die Menschheitsgeschichte als Ganzes, speziell aber die christlich-biblischen Aspekte, auf ihrem zeitgeschichtlichen Streben nach göttlicher Unsterblichkeit reflektiert. Während dieser geistigen Reise löst sich die Spiritualität der Religionen immer wieder zu Gunsten einer Notwendigkeit menschlichen Überlebens auf, wenn Jodorowsky beispielsweise den Glauben mit Grundnahrungsmitteln auf eine Ebene stellt oder das Kruzifix einer Kartoffel gleichgesetzt wird.

 

I - Die Ausgangslage einer verkommenen Welt

Bildlich eröffnet er uns sein Werk mit einem symbolschwangeren Setting, für welches er sich ausreichend Zeit lässt. Die erste Szene spielt dabei in einem verfremdeten Altarraum einer Kirche, deren räumliche Gestaltung mit einer irritierenden Wandbemalung zu verschwimmen droht. Chorale Gesänge sich wiederholender Verse aus dem Hintergrund lassen eine Opferstimmung aufkeimen, wenn der Alchemist (gespielt von Jodorowsky selbst) zwei Frauen in Nacktheit entblößt und ihre Köpfe rasiert. Anmutige Bewegungen der Darsteller und wertschätzende Berührungen lassen an eine früh-christliche Gabenbereitung während einer altertümlichen Messe erinnern. Zooms und langsame Kameraschwenks untermalen das Geschehen mit Nahaufnahmen diverser Relikte und Heiligkeiten.

Nach einem harten Cut wird ein scheinbar toter Mann, dessen Aussehen an Jesus erinnert, von nackten Kindern aus der Wüste getragen. Sie binden ihn ans Kreuz und beginnen ihn zu steinigen, bis er plötzlich von den Toten erwacht und sich auf den Weg in die Stadt macht. Die Kamera folgt dem Mann, der sich als Protagonist für den Zuschauer entpuppt. Ahnungslos taucht er in ein buntes Treiben einer Parade ein, die in einem Totenkult mit gekreuzigten Tieren die Stadt durchwandert. Am Rande der Prozession werden zahlreiche Menschen von Soldaten exekutiert. Die Verwunderung des Helden, der im späteren Verlauf „Der Dieb“ heißt, manifestiert sich in einer visuellen Faszination der symbolischen Bildgewalt, die auch beim Zuschauer einige Fragen aufwirft. Was soll das Ganze? Was ist hier los? Und was kann es bedeuten?

Mit einer Reihe von Fragen stößt Jodorowsky seinen Protagonisten und seine Zuschauer in ein blutiges Gedrängel von Tod, Blut, Massenhysterie und einer Absurdität von bunten Farben. Die exzentrische Art einer Zirkusdarstellung mit Personen-überladenen Bildkompositionen wird dabei von der umherschweifenden Kamera gekonnt eingefangen und lässt uns an dem Blickwinkel des Diebes teilhaben. Mit der Zeit wandelt sich jedoch das blutige Treiben in eine ästhetische Darbietung, die über die Darstellung des Todes hinaus, die blutigen Elemente in neues Leben keimen lässt. Den Exekutierten schlüpfen Vögel aus den Einschusswunden und das schräg klingende Kreischen und Flirren der Musik wandelt sich in festliche Klänge und Gesänge. Weiterhin wird die tiefere Symbolik der Details offenbart und lässt einen historischen Betrachtungswinkel auf die Menschheitsgeschichte erkennen. Kulturelle und zeitliche Ebenen vermischen sich dabei in einem reflektierten Todesbrei und zahlreichen Schausteller-Darbietungen. Dialoge sind dabei kaum vorhanden, denn sprechen können die Bilder für sich und brauchen dafür nicht das Wort des Menschen. Ergänzt wird dies durch handgemachte, aussagekräftige Effekte, die teilweise explizite Gewalt zeigen und in hervorragender Paarung mit den authentischen Kostümen stehen.

 

II - Der Ausweg aus dem Chaos und wer etwas daran ändern kann

Um nun nach etwa einer halben Stunde blutig-bunter Achterbahnfahrt, auch die Handlung und die verschiedenen Charaktere voranzutreiben, trifft der Dieb aus dem Treiben der Parade auf den Alchemisten, der anfangs die Frauen rasierte. Die Story wird mit prägnanten Dialogen eingeleitet, wobei sich der Alchemist als wegweisender Erzähler entpuppt, der teils direkt zum Dieb spricht, stellenweise aber auch durch Kommentare aus dem Off das Geschehen kommentiert. Dabei weiht er unseren Protagonisten in seinen Plan ein, neun Gefährten auf eine Reise zu schicken, den heiligen Berg zu erklimmen, um dort die Unsterblichen Weisen zu bezwingen, welche das Geheimnis des ewigen Lebens hüten. Er erklärt weiterhin, dass diese Herausforderung nicht als Individuum gemeistert werden kann, sondern nur unter der Vereinigung zu einer Einheit, weshalb er nun die weiteren Gefährten vorzustellen beginnt.

Ab hier verliert der Film durch die Einteilung in neun kurze Kapitel für neun Gefährten leider etwas an Erzählgeschwindigkeit und Bildgewalt, kreiert dafür aber eine Faszinationskraft durch die Darstellung verschiedener abstruser Ideen, die weltgeschichtlich auf aktuelle Misssstände hindeuten. In den einzelnen Kapiteln trägt dabei jeder eingeführte neue Charakter den Namen eines Planeten, sowie ein eigenes Thema, wie Wirtschaft, Politik, Krieg, Manipulation oder Architektur und lässt im Subtext viel Potential auf kommende individuelle Konflikte erkennen. Ebenso liegen hier Denkanstöße, die den Betrachter über den Film hinaus beschäftigen können, da sich die altertümliche Personendarstellungen mit den technisch neuartigen Raffinessen vermischt und somit ein Zeitgefühl auflöst.

 

III - Die reinigende Pilgerreise

Auf der Reise zum Berg, die nach der Charaktereinführung beginnt, weicht die zirkusartige, bunte Darstellung immer mehr einer naturlastigen Bildkomposition von Landschaftsaufnahmen in kräftigen Grüntönen. Das gewaltlastige grau-beige Stadtbild als Lebensraum des Menschen weicht Bildern der blühenden Natur. Die Nahaufnahmen blutiger Details verlieren sich in der Weite des Landschaftspanoramas. Der Kommentar des Alchemisten aus dem Off, gleicht währenddessen einer Predigt, die mit malerischen Worten und Spiritualität die Schönheit der Natur unterstreicht. Dennoch wird die religiöse Fahne nicht bekehrend positiv in den Wind gehalten, sondern wird in stürmischen Wortgewittern sarkastisch hinterfragt und durch Visionen und Rückblicke menschlicher Gewalt stellenweise seiner Daseinsberechtigung beraubt. Die dabei entstehende Entwicklung der philosophischen Gesamthandlung vernachlässigt unterdessen die Charaktertiefe der Figuren, kann aber dennoch Spannung aufbauen und den Handlungsbogen vorantreiben. Die Gefährten handeln punktuell stets zur Untermalung des philosophischen Kommentars, weniger zur eigenen Entwicklung oder ihrer eventuellen Ziele.

Darin liegt auch die einzige Schwäche des filmischen Werkes, denn der deutungsoffene Interpretationsfreiraum den man zu Beginn des Filmes noch eigens auslegen durfte, verliert an Bildgewalt, um den Zuschauer mehr und mehr an die Hand zu nehmen. Der Kommentar Jodorowskys durch seine Rolle des Alchemisten lenkt die morbide Mystik des Totenkultes in seine gewünscht Richtung, wobei ich mich meiner Selbstständigkeit beraubt und zu sehr beeinflusst fühlte. Die Bündelung der symbolischen Vielfalt zu einer gezielten Perspektive und Aussage wurde mir nahezu aufgezwungen, obwohl ich versuchte mich ihr dennoch zu entziehen und meine eigenen Schlüsse zu ziehen.

 

Somit kann man im Fazit sagen, dass die Besteigung des Berges mit unserem Sonnensystem vergleichbar ist und das Streben der Sterblichkeit nach der Unsterblichkeit symbolisch verarbeitet. Wie die Gefährten sich ihren individuellen Herausforderungen stellen, um an das Geheimnis des ewigen Lebens zu gelangen, kreisen unsere Planeten allesamt um die Sonne, welche durch ihre Wärme Leben ermöglicht und bestehen lässt. Die Betitelung der Gefährten mit den Planetennamen lässt zu diesem Schluss führen. Weiterhin kann man das Bestreben des Menschen, den Tod zu überwinden hier aber auch weiter fassen, vielfältig anders auslegen oder sogar beispielsweise mit Schneewittchen und den sieben Zwergen vergleichen, die als kleine Menschen, die Größe Schneewittchens anhimmeln und nach ihrem Tod versuchen, ihr Leben zu konservieren. In ihrer Trauer lässt der gläserne Sarg stets ein Abbild ihres Lebens bestehen, bis das Aushusten des Apfels letztendlich zur Überwindung des Todes führt. So abstrus diese Deutung klingen mag, kann man der engen Handführung Jodorowskys am Ende entweder folgen oder ihr eigene Deutungen entgegen stellen, sowie die christliche Perspektive durch die Vielzahl an weltgeschichtlichen Aspekten zu Beginn des Filmes erweitern. Somit kann jeder Zuschauer dieses Filmes nach individuellen Vorlieben eine Interpretation finden und ihr seinen eigenen Stempel aufdrücken. Mein letzter Stempel in diesem Review wird somit eine 9 von 10 Punkten sein, da ich mir nicht gerne eine Meinung in den Mund legen lasse. Besonders nicht, wenn sie im Vorfeld so süß duftete und dann so fade schmeckte.

9/10
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Kommentare

11.09.2017 16:58 Uhr - dicker Hund
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Ja, OK, spätestens nach der Lektüre dieser leckeren Besprechung muss ich den hier und (vollständig) "El Topo" bei Gelegenheit mal nachholen...

11.09.2017 17:40 Uhr - Ghostfacelooker
2x
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Ein erneut lyrisch, poetisches Review das ein Bild wie ein Film im Kopf erzeugt, dessen Neugier auf das eigentliche Werk man sich kaum entziehen kann.

Auch wenn ich zugegeben die paar Anfangsminuten die ich von El Topo auf diversen Seiten bisher gesehen habe, kaum mit deinem glanzvoll stilisiertem und äußerst toll geschriebenem Review gleichsetzen konnte.

Fakt ist jedoch, das deine gemäldeartigen Eindrücke beider Filme durchaus meine Neugierde wecken und anfachen sodass nur der schlussendlich eigene Blick auf die Werke Befriedigung bedeuten kann und was kann ein Review somit großes bezwecken.

Ich verneige mich vor deiner Schilderung erneut

11.09.2017 18:28 Uhr - TheRealAsh
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Ist ja schon keine rezi mehr, sondern vielmehr eine reflektion, die dir sehr gut gelungen ist. Den Abzug wegen unserem komischen heiligen kann ich verstehen, für mich gehört das allerdings zum gesamtkonzept. Aner in echt ist der Jodo ja tatsächlich so ein Guru, was er hier schon kritisch reflektiert. Bergman macht das in Persona freilich noch ein Stück intelligenter und weniger propagandistisch.

11.09.2017 19:05 Uhr - naSum
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Ein heiliger Berg Komplimente... Habt Dank ihr drei.

Hund und Ghostface, auf eure Sichtung und eine eventuelle Rückmeldung wäre ich neugierig, da bei diesem Werk sicherlich jede Interpretation anders ausfallen kann. Und solange ich euch neugierig machen konnte, habe ich meine Aufgabe vollends erfüllt.

Ash, das Finale gehört klar zum Gesamtkonzept, aber ich schließe mich beim Wandern auch ungerne einer geführten Seniorentour an, sondern erkunde gerne mit grober Laufrichtung eigene Wege. Dennoch hast du Recht, der Abzug ist subjektiver Natur. Und Reflektion? Klar. Das ist oft mein Hauptaugenmerk bei Filmen und bei diesem wird man ja richtig dazu herausgefordert.
Mit Bergman habe ich mich bisher noch nicht befasst, aber danke für den Hinweis, da werde ich sicherlich Gefallen dran finden. Hast du da ein spezielles Lieblingswerk?

11.09.2017 19:05 Uhr - naSum
3x
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Ups... Doppelpost

Ihr macht mich ganz verlegen, da kriege ich zittrige Hände ;)

11.09.2017 20:53 Uhr - Weltraumgott
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Eine vielleicht schon himmlische Review, die sehr genau deine Gedanken zu diesem schwer verständlichen (wie El Topo) Film preislässt.

Ich mags naSum! ^^

12.09.2017 08:42 Uhr - NoCutsPlease
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DB-Helfer
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Ich finde ja, dass derartig symbolträchtige und surreale Werke am besten zu deiner ausgeprägten naSumanie passen. Nach TRAshs und deiner poetischen Lobeshymne ist Jodorowsky für mich noch einmal ein ganzes Stück interessanter geworden.

PS: Mit den Kommentaren, die das Geschehen aus dem Off kommentieren, hast du dir selbst einen Punkt für deine Liste der kuriosen Dopplungen spendiert. :)

12.09.2017 22:20 Uhr - naSum
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Auch euch beiden ein herzliches Dankeschön.

Ashs Schreibe habe ich heute auch noch mal begeistert gelesen, denn sie bietet eine sehr interessante Facette dieses Werkes. Lob an den Kollegen.

NCP, dass die Schreibe zur naSumanie passt freut mich. Ebenso wie du zu deiner speziellen Filmauswahl mal betont hast, versuche auch ich teilweise Filme zu besprechen, die sonst manchmal leider außen vor bleiben. Tanz der Teufel und Braindead hat ja sicher schon jeder hier gesehen ;)

Und mit dem kommentierenden Kommentar des Kommentators schließt sich der Kreis. Ein schöner Faux-Pas!

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