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The Dance of Reality

(La Danza de la realidad)
Herstellungsland:Chile, Frankreich (2013)
Genre:Biographie, Drama, Fantasy

Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (2 Stimmen) Details
inhalt:
In einem autobiografischen Rückblick entführt Alejandro Jodorowsky sein Publikum in The Dance of Reality an die Geburtsstätte seiner surrealen Kunstader. Dabei zeigt sich vor allem seine Jugend als wegweisender Lebensabschnitt und beinhaltet neben den prägenden Erlebnissen eines von Faschismus und Kommunismus bevölkerten Chile der 40er Jahre zahlreiche familiäre Eindrücke, die ihn als Mensch in seinem Denken und seiner weiteren Entwicklung beeinflussen sollen.
eine kritik von nasum:

 

 

 

Jodorowsky über politisch-gesellschaftliche Sozialisation und die Prägung eines Kindes:

 

 

 

Alejandro Jodorowsky, filmischer Schöpfer von verstörenden Inszenierungen wie El Topo (1970), Der heilige Berg (1974) oder Santa Sangre (1989), besinnt sich 2013 mit einem eindrucksvollen Werk seiner Wurzeln und begeistert auf mehreren Filmfestivals seine Fans mit einer emotionalen, wie auch gesellschaftlich und politisch kritischen Autobiografie seiner selbst. Der Film The Dance of Reality zeigt dabei das Leben des jungen Alejandro Jodorowsky zu der Zeit, als er mit seinem Vater und seiner Mutter im Chile der beginnenden 1940er Jahre lebt. Dabei ist keineswegs eine sachliche und rein faktenbasierte Geschichtsstunde seiner Vergangenheit zu erwarten, sondern eine biografische Verfilmung, die in seinem eigenen Stil als Regisseur mit Symbolen, Metaphern und exzentrischer Bildsprache angereichert wurde. Diese fiktiven Elemente ergänzen die Darstellung seines tatsächlichen Lebens, um pointierte Anmerkungen und Hinweise auf Schlüsselmomente seiner Entwicklung aufzuzeigen. Besonders interessant und sehr persönlich geraten ist dabei das Casting, denn alle 4 Söhne Jodorowskys spielen selbst im Film mit. Sein ältester Sohn spielt Alejandro Jodorowskys Vater, Jodorowsky selbst wird von seinem Enkelsohn verkörpert, der am Anfang der inszenierten 40er Jahre knapp 12 Jahre alt gewesen sein soll. Bereits zu Beginn wird deutlich, welche Fahrtrichtung der Film einschlägt, als Alejandro selbst mit seinen 84 Jahren aus dem Hintergrund auftaucht, sein junges Selbst umarmt und ihm reflektierte Gedankengänge und Emotionen ins Ohr flüstert. Die Darstellung seiner eigenen Gedankengänge durchbricht dabei sofort die vierte Wand und lässt den Zuschauer unmittelbar an dem teilhaben, was Jodorowsky zu dem Zeitpunkt denkt. So klar und direkt hat man ihn noch nie erlebt, was gerade deshalb in einigen unheimlich emotionalen Film-Momenten gipfelt. Die malerische Verschmelzung von realer Autobiografie und fiktiven Erzählweisen kann dadurch direkt zu Beginn innig faszinieren.

 

Nachdem die Figuren eingeführt wurden und man aus dem ersten Staunen herauskommt, offenbart Jodorowsky das Setting und präsentiert ein chaotisches Chile am Anfang der 40er Jahre. Die jüdisch-ukrainische Familie Jodorowsky, bestehend aus Vater, Mutter und Sohn, betreibt ein Kleidungsgeschäft in einer kleinen Hafenstadt, die vor Armut überquillt. Wie in allen seinen Werken präsentiert Jodorowsky hier erneut die drastische Arm-Reich-Schere, indem er Bettler und Entstellte in Lumpen durch das Stadtbild kriechen lässt. Ebenso finden immer wieder Clowns und Artisten kurze Auftritte, die jeweils in kurzen kritischen Pointen enden und im gesamten Filmverlauf immer wieder eingestreut werden. Der exzentrische Vater, Jaime Jodorowsky, ist davon jedoch gar nicht angetan, versucht er doch den guten Ruf der Familie aufrecht zu erhalten, was aufgrund der jüdischen Wurzeln immer schwieriger wird. Seine Handlungsohnmacht gegenüber der Gesellschaft und dem politischen System projiziert er durch autoritäre Härte gegen seine Familie. Das zeigt sich in Misshandlungen seines Sohnes und dominanter Führung seiner Frau Sara, welche den gesamten Film über nur singend kommuniziert, um so die mütterliche Wärme als Gegenpol anmutig aufklingen zu lassen und das tragische Miteinander zu kontrastieren.

(witzige Randnotiz: Jaime Jodorowsky wirkt aufgrund seiner aggressiven Grundstimmung, seines dominanten Tonfalls und obendrein auch optisch absolut wie Jack Nicholsons Darstellung des Jack Torrance in Kubricks Shining - einfach genial!)

 

Somit muss der junge Alejandro in einer schwierigen politischen Lage, sowie gesellschaftlichen Konflikten zwischen Arm und Reich aufwachsen. Ein zunehmender Antisemitismus, sowie das verstörende Weltbild als Sozialraum eines Kindes sind dabei nicht sonderlich dienlich, erklären aber vor den realen geschichtlichen Fakten des politischen Machtwechsels seinen provokanten und kritischen Stil, mit dem er als späterer Regisseur auf Missstände hinweist.

Auf politischer Ebene zeigt sich The Dance of Reality dann auffallend kritisch und sehr ausdrucksstark. Teilweise sehr deutlich und direkt, stellenweise aber auch kryptisch und verspielt. So begegnet Alejandro einem Theologen und einem Anarchisten, die in kleinen Rollen die gesellschaftlichen Gesinnungen treffend porträtieren. Dabei werden sie nicht nur von zwei weiteren Söhnen des Regisseurs selbst gespielt, sie spiegeln auch den politischen Umschwung Chiles zu der Zeit der 40er Jahre wieder, als die faschistischen und kommunistischen Konflikte in der Stadt (verkörpert durch den Anarchisten) durch die christdemokratische Vorherrschaft (verkörpert durch den Theologen) übernommen werden sollen, um eine Diktatur zu beenden. Das beidseitige Zerren am jungen Kind und das Wetteifern um seine Sozialisation, spiegeln dabei deutlich den Zeitgeist wieder. Ebenso erklärt es die theologischen und politischen Motive in Jodorowskys Werken, sowie deren atheistische oder philosophische Zerschlagung im Verlauf seiner Filme. All das fasst Jodorowsky in majestätische und epische Bilder, die auf symbolische Metaphern reduziert darstellen, wie sich ein Kind in solch einer Situation seine eigene Lebensphilosophie aus seinen mannigfaltigen Erfahrungen konstruiert. Ebenso wie seine Werke El Topo oder Der heilige Berg schreien die Bilder dabei förmlich nach einer Interpretation durch den Zuschauer.

 

Bildlich gestaltet sich der Film wechselhaft, angepasst an die Aussage der jeweiligen Szenen und des dargestellten Themas. So sind politische Szenen in tristem Grau gehalten, oftmals hektisch geschnitten und von überfüllten Bildmotiven geprägt. Familiär emotionale Momente baden in warmen Hautfarben und sanfter Beleuchtung, getragen von Nahaufnahmen und sanften Kamerabewegungen, wenn nicht gerade die Exzentrik von Jodorowskys Vater durchbricht und die Filmlinse jäh zurück reißt, um in eine distanziertere Perspektive zu verfallen. Weiterhin wird die Inszenierung immer wieder von Artisten und Entstellten geprägt, die mal hier, mal da ins Bild springen und in ihren bunten expressionistischen Kostümen kurze Einlagen skizzieren, die immer wieder am Rande stattfinden und das Bild punktuell neon-grell färben. Musikalisch offenbart sich dem Ohr eine Klangkulisse unterschiedlichster tragischer bis fröhlicher Kompositionen aus der individuellen Lebenswelt Jodorowskys, um einzelne Momente oder Passagen des Bildwerkes zu dramatisieren, emotionalisieren und dadurch immer wieder einen intimen autobiografischen Eindruck zu hinterlassen.

 

Zum Schluss lässt sich daher sagen, dass der Film autobiografisch interessant ist, da die Fakten durch fiktive Elemente angereichert wurden und das Leben Jodorowskys in einem symbolischen Bildgewitter dargestellt wird. Ebenso zeigt sich die visualisierte Seele des Jungen, dargestellt durch den alten Jodorowsky selbst, als reflektiert und dadurch emotional stellenweise sehr ergreifend. Die Verflechtung dieser individuellen Geschichte in die gesellschaftlich angespannte Situation, sowie den brisanten politischen Unruhezustand der Zeit, indem Faschismus, Kommunismus und Christentum um die Vorherrschaft kämpfen, reflektiert dabei nicht nur das Leben Jodorowskys selbst, sondern ordnet es in einen geschichtlichen Zeitgeist ein. Gegen Ende hin vernachlässigt der Film jedoch zeitweise Alejandro selbst und verfolgt den Pfad seines Vaters, der sich als Kommunist und Rebell auf den Weg macht, Diktator Ibanez zu stürzen. Erst am Schluss schwenkt der Fokus wieder auf den jungen Jodorowsky. Also: So expressiv, metaphorisch und fiktiv dieser autobiografische Film anfangs scheint, ist er es wohl am Ende doch nicht... Klar ist er sehr bildhaft und auch stellenweise recht vage in einigen Details, aber der Rahmen der Gesamthandlung fasst doch viele Wahrheiten auf. Somit ist Jodorowskys verfilmte Kindheit ein hoch politisches, wie auch gesellschaftlich und individuell emotionales Filmwerk, dem ich gerne starke 9 Punkte geben möchte. Jodorowsky hat es darin geschafft seine eigene Kindheit in eben jener Art und Weise wiederzuspiegeln, die auch seine Filme, sein Leben und seinen ausdrucksstarken symbolischen Stil ausmachen. Nichts anderes hätte ich von ihm erwartet. Und nichts anderes wäre ihm gerecht geworden.

9/10
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Kommentare

25.09.2017 15:12 Uhr - TheRealAsh
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Ja, DeGustibusNaSumEstDisputandum, was soll ich sagen? Dein Review ist wieder mal auf höchstem Niveau und mich verwundert deine Wahl seines vorletzten Films und dem nach seiner langen Pause jetzt doch etwas.

"Danza" ist schon ein Monstrum. Nicht, dass die anderen keine wären. Aber hier erzählt ein alter Meister von seiner Kindheit. Was normalerweise beim Arschkamp-Verlag als die literarische Erfüllung proklamiert wird, ist hier leider seltsam unbeachtet. Wahrscheinlich weil es sich um einen Film handelt. Ist ja im Hochkulturbetrieb immer noch nicht so richtig angekommen, dass Filme denselben Stellenwert haben können wie gute Bücher oder irgendwelche Kompositionen, etc. pp.

Kurzum, ein sperriger, tiefgehender und vor allem in ein paar Jahrzehnten sicherlich noch einmal anders ausfallender Film, der im Zusammenschluss mit "Endless Poetry" zum Glück das Alterswerk eines seltsamen, aber einzigartigen Künstlers zeigt.

Wieder einmal danke für dieses Review und deine Filmauswahl.

25.09.2017 16:22 Uhr - Ghostfacelooker
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Nach meiner persönlich und einzigen Erfahrung mit dem genannten Regisseur, lese ich lieber deine Reviews und stelle mir dabei meinen eigenen von dir in meinem Kopf durch deine Worte inspirierten Film vor! Da habe ich bestimmt mehr davon

26.09.2017 10:06 Uhr - NoCutsPlease
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DB-Helfer
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Kein Wunder, dass du mit deinem Roman nicht vorankommst, so wie du im Jodoversum feststeckst. ;)
Umso besser ist das für die Leser, die hier einen umfang- und aufschlussreichen Überblick über diese Werke erhalten.

26.09.2017 15:56 Uhr - naSum
1x
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Ash, du alter Lateinpauker, ich denke die andere 9 stammt dann in den Wertungen von dir, wie ich aufgrund des disputandum annehme? ;)
Es gibt einfach mittlerweile in vielen Medien zu viel Output, als dass noch ein Augenmerk auf wertige Beiträge gelegt würde, die aus der Masse herausstechen. Reizüberflutung at its best!
Wieso wundert dich Danza als Auswahl? Womit hast du gerechnet?
(an den Rainbow Thief bin ich zur Zeit noch nicht günstig rangekommen...)

Ghostface, es ehrt mich, wie interessiert und beständig du bei der Stange bleibst, obwohl dich El Topo so geschockt hat ;)

NoCuts, danke auch dir. Ich bin ja froh, dass der Fernseher bei dem Sturm funktioniert... Denn bedenke: "No Couch and no TV, make Homer go crazy!"

26.09.2017 17:09 Uhr - TheRealAsh
1x
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jo, die 9 is von mir;-p

"Rainbow Thief" gibts übrigens für nen Euro bei den Amazonen auf dem Mond. Und das ist er leider auch wert, nur für Komplettisten. Mir persönlich fehlt ja noch "Tusk". Aber einen blinden Fleck darf man ja haben,-)

26.09.2017 21:20 Uhr - naSum
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Ein Euro? Grad gekauft, um auch noch ne Enttäuschung einzusammeln. ;)
Tusk fehlt auch mir, obwohl ich den sehr reizvoll finde mit der emotionalen Tier-Mensch Bindung.

26.09.2017 23:33 Uhr - TheRealAsh
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"2 Meter, 2 Mark!"

Schau rein, war ja ne "Auftragsarbeit", von daher gibt Jodo da glaub auch nicht wirklich viel drauf, obwohl sein Filmschaffen danach krass abgebrochen ist:-(

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