Verglichen wurde die
unrestaurierte Public Domain-Fassung (
Internet Archive) mit der in den Jahren
2005/2006 restaurierten Fassung, die in Deutschland, England und den USA auf DVD erschienen ist. Zum Vergleich lag dem Autor die UK-DVD von Eureka! vor (The Masters of Cinema Series #64).
Public Domain (NTSC): 1:24:19 (1:22:48 ohne Vor- und Abspann)
Restaurierte Fassung (PAL): 1:34:29 (1:30:32 ohne Vor- und Abspann)
31 kürzere oder fehlende Szenen mit einer Differenz von
322,2 Sek. (= 5:22 Min.)
21 fehlende Zwischentitel mit einer Differenz von
104,7 Sek. (= 1:44 Min.)
2 längere Szenen mit einer zusätzlichen Spielzeit von
+ 7 Sek.
Die
restliche Laufzeitdifferenz resultiert größtenteils aus unterschiedlich langen Zwischentitel-Einblendungen sowie dem kürzeren Vor- und Abspann der Public Domain-Fassung (Differenz ca. 2:19 Min. - siehe Schnittbericht). Weitere Abweichungen (< 1 Sek.) entstehen durch Filmrisse, Bildsprünge o.ä., was durch den Umstand zu erklären ist, dass das Filmmaterial beider Fassungen aus unterschiedlichen Quellen stammt. Vor Ein- bzw. nach Ausblendung der Zwischentitel kommt es vereinzelt zu weiteren Frameverlusten. Im Schnittbericht findet all dies nur dann Erwähnung, wenn durch fehlende Blendenöffnungen "harte Schnitte" entstehen (wie z.B. bei Minute 56:59).
| Anmerkungen zum Schnittbericht
De facto gleicht kaum ein Nosferatu-Output dem anderen. Unterschiedliche Abspielgeschwindigkeiten, Kürzungen, verschiedene Farb- und Musik-Fassungen, sowie Zwischentitel in diversen Landessprachen und Designs verändern das Erscheinungsbild des Films gravierend. Hier eine bestimmte Version herauszupicken und als DIE Referenz anzupreisen, wäre vermessen, zumal in Zukunft sicher noch weitere Veröffentlichungen folgen werden. Jörg Gerle sieht das ganz richtig, wenn er in einem Film-Dienst-Review schreibt: "Ganz ähnlich wie in den Zeiten, als "Nosferatu" in mannigfaltiger Form in den Kinos zur Auswertung kam, gibt es auch heute weniger eine definitive Fassung als vielmehr eine Vielfalt von mehr oder weniger gelungenen, für die es sich aber mitunter lohnt, im World Wide Web auf die Suche zu gehen."
Will heißen: Jede Fassung hat ihre Daseinsberechtigung, weshalb die Frage nach dem Sinn eines solchen "Schnittberichts" durchaus berechtigt ist. Interessant ist ein solcher Vergleich jedoch allemal. Schon alleine deshalb, weil er eindrucksvoll verdeutlicht, welch immenser Aufwand hinter einer Restaurierung steckt und welche Geduldprobe es für alle Beteiligten bedeutet, über Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg unzählige Puzzleteilchen zu einem geordneten Ganzen zusammenzufügen.
Public Domain
In den USA gilt "Nosferatu" als Public Domain (zu deutsch: gemeinfrei), da seit dem Ableben des Urhebers mehr als 70 Jahre vergangen sind. Das Werk unterliegt somit keinem Urheberrecht mehr und kann in den Vereinigten Staaten frei kopiert und verteilt werden. Einige amerikanische Webseiten, darunter das Internet Archive, machen sich diesen Umstand zunutze und bieten gemeinfreie Filme zum kostenlosen, legalen Download an. Das gilt selbstredend nicht für restaurierte Fassungen, da hiermit zusammenhängende herausgeberische oder künstlerische Leistungen (neu komponierte Musik, neu gestaltete Zwischentitel usw.) durchaus unter Copyright stehen können. Deutsche Nutzer sollten tunlichst beachten, dass die amerikanische Public Domain-Regelung nicht identisch mit der europäischen Gemeinfreiheit ist. Was also in den USA legal ist, kann bei uns unter Umständen rechtliche Konsequenzen haben. Sprich, es ist durchaus möglich, dass ein Public Domain-Film hierzulande noch urheberrechtlichen Schutz genießt. "Night of the Living Dead" (1968) ist z.B. so ein Kandidat. In den USA gilt besagter Film als Public Domain, obwohl die o.g. 70-Jahre-Regel nicht erfüllt ist. Grund dafür ist eine vergessene Copyright-Einblendung, die in Amerika zum damaligen Zeitpunkt noch notwendig war, um das entsprechende Werk zu schützen. In Deutschland spielt dies jedoch keine Rolle, da prinzipiell jeder Film urheberrechtlich geschützt ist.
Eureka oder Transit? Unterschiede zwischen UK- und Deutschland-Release
Die jüngste "Nosferatu"-Restaurierung, durchgeführt von Luciano Berriatúa für die Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung, erschien 2007 in Deutschland, England und den USA auf DVD. Da der Film in allen Veröffentlichungen auf Deutsch zu genießen ist, lohnt sich ein Blick über die eigenen Landesgrenzen hinweg durchaus. Die deutsche Edition kommt im schicken Steelbook-Gewand daher und hat im Vergleich zur UK-Scheibe ein etwas schärferes Bild. Das Bonusmaterial in Form einer 53-minütigen Dokumentation und einer kurzen Featurette über die Filmrestaurierung ist auf jedem Release enthalten, das UK-Pendant hat jedoch noch mehr zu bieten: Werden wir hierzulande mit einem 23-seitigen Booklet abgespeist, kommt die Eureka!-Veröffentlichung mit einem dicken 80-Seiten-Wälzer daher. Des weiteren enthält die englische 2-Disk-Edition einen (leider etwas mißglückten) Audiokommentar mit dem Filmhistoriker R. Dixon Smith und dem Filmkritiker Brad Stevens (Englisch, ohne UT), während Unterstützer der heimischen Wirtschaft diesbezüglich in die Röhre gucken. Kein Audiokommentar, nichts. Absolut unverständlich in Anbetracht der Tatsache, dass es sich hier um einen deutschen Kultklassiker handelt, der bei uns zuvor nie auf DVD veröffentlicht wurde.
Update: Ende 2013 erschien die 2005/2006er-Fassung in den USA und in England auf Blu-ray, die deutsche BD-Veröffentlichung folgte am 27.06.2014.
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Die Story
Wisborg, 1838. Der in Transsylvanien wohnhafte Graf Orlok beauftragt den Häusermakler Knock, ihm in Wisborg eine passende Immobilie zu beschaffen. Knocks Wahl fällt auf ein heruntergekommenes Haus, das sich direkt gegenüber der Wohnung seines Mitarbeiters Thomas Hutter befindet. Hutter ist auch derjenige, der nun zu Graf Orloks Schloss reisen soll, um ihm besagtes Objekt anzubieten und den Deal perfekt zu machen. Während seiner Reise stößt Hutter auf Einheimische, die bei der Erwähnung von Orloks Namen entsetzt reagieren und ihm als Warnung ein Buch über Vampire aushändigen. Hutter zeigt sich zunächst wenig beeindruckt, hält alles für lächerlichen Aberglauben. Nachdem er jedoch beim Grafen vorstellig geworden ist, häufen sich seltsame Ereignisse: Ein blutiger Daumen lässt Orlok förmlich in Ekstase verfallen, am Morgen danach wacht Hutter mit Bissspuren am Hals auf. Dieser hält die Wundmale für Insektenstiche und wird selbst dann nicht stutzig, als Orlok fasziniert ein Foto von Ellen (Hutters Ehefrau) betrachtet und sich lobend über ihren schönen Hals äußert. Als dem Naivling nach weiteren unheimlichen Vorfällen endlich bewusst wird, dass er es tatsächlich mit einem waschechten Vampir zu tun hat, ist es bereits zu spät. Denn Orlok hat sich bereits auf dem Seeweg Richtung Wisborg abgesetzt, um seine neue Behausung nebst Nachbarin in Augenschein zu nehmen. Hutter, der gefangen im Schloss zurückblieb, flieht in heller Aufregung und eilt auf dem Landweg Richtung Heimat. Ihm ist klar, dass das Leben seiner Frau auf dem Spiel steht, sollte er Wisborg nicht vor dem Grafen erreichen. Ein verzweifelter Wettlauf gegen die Zeit beginnt…
Ein Regisseur revolutioniert das Horrorkino
"Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens" (1922) zählt neben den Werken von Fritz Lang (darunter "Metropolis") wohl zu den bekanntesten Stummfilmklassikern. Diese Popularität kommt nicht von ungefähr, hat der Streifen doch die Geburt des reinrassigen Horrorkinos eingeläutet. Klar, Horrorelemente im Film gab es schon lange davor, nur war das Grauen dort meist eher Begleiterscheinung denn Absicht. Kein Regisseur hatte es je zuvor gewagt, sein Publikum nach der letzten Szene mit schlotternden Knien zurückzulassen. Friedrich Wilhelm Murnau brach mit dieser Tradition und verfolgte mit seinen auf Zelluloid gebannten Bildern erstmals das vordergründige Ziel, die Zuschauer zu verängstigen. Das gelang dem Film in vielerlei Hinsicht. Max Schreck etwa wirkte in seiner Rolle als Graf Orlok derart überzeugend, dass sogar Spekulationen darüber die Runde machten, er könnte in Wahrheit ein echter Vampir sein (Diese Idee wurde auf satirische Weise im 2000er "Shadow of the Vampire" thematisiert.). Auch Murnaus Entscheidung, an Originalschauplätzen zu drehen, trug wesentlich zur düsteren Stimmung bei. Bis in die Karpaten reiste das Filmteam, wo man in der Arwaburg die perfekte Kulisse für Graf Orloks Schloss fand. Die zahlreichen Naturaufnahmen in Form von düsteren Bergketten, stürmender See, im Wind wogenden Bäumen oder am Nachthimmel vorbeiziehenden Wolken sorgten zudem für eine regelrechte Dämonisierung der Landschaft. Nicht zu vergessen das gekonnte
Spiel mit Licht und Schatten. Die legendäre Szene, in der Nosferatu als Schattengestalt die Treppe zu Ellens Schlafgemach hinaufschleicht, hat bis heute nichts von ihrer Faszination verloren.
Die Erzeugung von Spannung gelang Murnau auch auf unterschwelliger Ebene. Hierzu verwendete er ein Stilmittel, das sich vor allem im Action-Genre großer Beliebtheit erfreut:
Diagonalen in der Bewegung. Personen oder Fahrzeuge beschreiten ihren Weg also nicht einfach stupide von links nach rechts oder auf einer geraden Linie von hinten nach vorne, sondern bewegen sich schräg durch die Kulisse. Dies schafft nicht nur ein Gefühl von Räumlichkeit und Dynamik, sondern erzeugt auch ein latentes Unruhegefühl. Wie meisterlich es der Film versteht, den Zuschauer auf subluminaler Ebene zu beeinflussen, wird z.B. bei Betrachtung der folgenden Szene deutlich: Ellen sitzt auf einer Bank am Strand und wartet auf die Ankunft Hutters. Sie trägt ein schwarzes Kleid, links und rechts von ihr stecken Kreuze im Sand. Dieses Bild für sich alleine betrachtet wirkt schon beklemmend genug, zumal eine Begräbnisstätte an diesem Ort völlig deplatziert wirkt. Sieht man genauer hin, fällt auf, dass die Kreuze alle nach rechts geneigt sind und auch die Brandung im Hintergrund ihren Weg von links nach rechts beschreitet. In der folgenden Einstellung zeigt Murnau nur das Meer, doch nun verlaufen die Wellen in die entgegengesetzte Richtung - nämlich von rechts oben nach links unten (diagonale Bewegung). Diese zuwiderlaufenden "Richtungsmuster" verstören den Zuschauer, zumal Murnau die beiden Szenen mehrfach gegeneinander schneidet.
Interessant ist auch Murnaus gezielter Einsatz von
Umrahmungen: Auffallend oft platziert er die Darsteller inmitten von Toren, Gewölbebögen, Türschwellen o.ä., was den entsprechenden Bildausschnitt wie ein Gemälde wirken lässt. Dass diese Darstellungsweise gewollt und keineswegs Zufall ist, beweist der Fakt, dass Murnau sogar Bildmanipulationen vornahm, um den besagten Rahmeneffekt zu erzielen. Der Gewölbebogen auf dem Screenshot unten rechts (siehe rote Markierung) war nicht etwa realer Bestandteil der Kulisse, sondern das Ergebnis einer nachträglichen Ausmaskierung des entsprechenden Bildbereichs.
Mit über 540 Einstellungen schuf Murnau einen für die damalige Zeit sehr schnell geschnittenen Film und verwendete als zusätzliches Spannungselement
Parallelmontagen (engl. cross-cutting), mit denen zwei gleichzeitig ablaufende Handlungsstränge beschrieben werden konnten. Sogar
visuelle Effekte kamen zum Einsatz: Mittels eines Negativstreifens verwandelte sich die nächtliche Kutschfahrt zum unheimlichen Trip durch einen Geisterwald (um auf dem Negativ die Farbe Schwarz zu erhalten, ließ Murnau Kutsche, Kutscher und Pferde mit weißen Tüchern behängen), zudem baute Murnau Zeitraffer- und Überblendungseffekte ein.
Abschließend sei gesagt, dass der Film fast 90 Jahre nach seiner Uraufführung natürlich niemandem mehr ernsthaft Angst einjagt - dafür wirkt er aus heutiger Sicht einfach zu naiv. Mit seiner unheilschwangeren Bildgewalt weiß er den Zuschauer aber nach wie vor zu fesseln und wird auch nachfolgenden Generationen noch einen wohligen Schauer über den Rücken jagen. Nicht schlecht für ein hochgradig künstlerisches Werk, das, weit abseits des trivialen Kommerzkinos, noch ganz ohne selbstzweckhafte Schock- und Ekeleffekte auskommt.
Das Kreuz mit dem Urheberrecht
"Nosferatu - eine Symphonie des Grauens" basiert sehr frei auf Bram Stokers "Dracula" (1897), dem wohl populärsten Vampirroman der Weltliteratur. Murnau wurde dies insofern zum Verhängnis, da er es nicht für nötig erachtete, sich um die Lizenzierung des Stoffes zu bemühen (was abgesehen davon wohl sowieso vergebliche Lebensmüh gewesen wäre, da die Verwertungsrechte bereits bei Universal Pictures lagen). Um die Anlehnung an die Romanvorlage zu vertuschen und sich so vor etwaigen Ansprüchen zu schützen, wandelte man wesentliche Aspekte der Handlung ab und änderte die darin vorkommenden Namen und Handlungsorte. Doch Murnau hatte die Rechnung ohne Bram Stokers resolute Witwe, Florence Stoker, gemacht. Diese nämlich strengte 1922 kurzerhand einen Prozess an, den sie drei Jahre später in letzter Instanz gewann. Auf Ihr Bestreben hin erging ein folgenschweres Urteil, das die
vollständige Vernichtung aller sich im Umlauf befindlichen Filmrollen vorsah. In Deutschland konnte dies zwar noch realisiert werden, glücklicherweise hatten jedoch bereits diverse Kopien ihren Weg ins rettende Ausland gefunden. So verwundert es auch nicht, dass als Hauptquelle für die neueste Restaurierung eine Nitratkopie aus Frankreich diente. 1930 erschien in Deutschland unter dem Titel "Die zwölfte Stunde. Eine Nacht des Grauens" eine bis zur Unkenntlichkeit entstellte und nicht vom Regisseur autorisierte Tonfilmversion des ursprünglichen Streifens. Zahlreiche Einstellungen wurden entfernt, nachgedrehte Szenen nebst Archivmaterial eingefügt und durch Umschnitte ein Happy End erdichtet. Durch diese gravierenden Änderungen sollten weitere Rechteverletzungen vermieden werden. Erst durch den Tod von Florence Stoker im Jahr 1937 fiel der Bannspruch gegen Murnaus Meisterwerk endgültig.
Restaurierung
Der Gefahr, hierzulande seiner Vernichtung anheimzufallen, war "Nosferatu" Ende der dreißiger Jahre zwar entronnen. Das Problem war nur, dass scheinbar keine Kopie mehr existierte, die Murnaus Original entsprach. Unzählige Schnittfassungen waren im Laufe der Zeit entstanden, praktisch jedes Land, in dem der Film im Umlauf war, hatte eine oder gar mehrere Alternativ-Fassungen in den Archiven. Manche enthielten Szenen, die Murnau nie gedreht hatte, andere wiederum waren massiv umgeschnitten oder einiger Szenen entledigt worden. Auch die Zwischentitel (= Texttafeln; dazu später mehr) hatten eine wahre Odyssee hinter sich. Sie wurden vom Deutschen ins Französische übersetzt, dann vom Französischen ins Englische und später wieder vom Englischen ins Deutsche zurück. Dass es dabei zu Sinnentstellungen kam, dürfte klar sein. Manche Zwischentitel wurden gar gänzlich weggelassen, andere wiederum bewusst verfälscht. In einer Fassung etwa liest Hutter im Rasthaus nicht originalgetreu in einem Buch, das von Vampiren handelt, sondern in der Bibel.
Aus diesem Wust an unterschiedlichen Vergleichsmaterialien die von Murnau autorisierte Original-Fassung wiederherzustellen, wäre unter normalen Umständen von Beginn an zum Scheitern verurteilt gewesen. Glücklicherweise lag der Fachwelt jedoch Murnaus Skript zu "Nosferatu" vor, mit dessen Hilfe man verfügbare und verloren gegangene Szenen (sowie deren zeitlich korrekte Abfolge) recht zuverlässig identifizieren konnte. Doch erst 1981 mündete die spannende wie mühevolle Detektivarbeit in vorzeigbare Resultate: Eine weitgehend rekonstruierte Schwarzweiß-Fassung, ergänzt um neu hergestellte deutsche Zwischentitel und Inserts (textgetreu nach der originalen Titelliste), wurde in der Cinémathéque Francaise wiederaufgeführt. 1984, 1987 und 1995 folgten weitere Restaurierungen. So konnte man z.B. auf Basis einer wiederentdeckten, viragierten Nitratkopie nachvollziehen, nach welchem Farbplan die einzelnen Szenen koloriert waren (dazu gleich mehr). Zudem wurden mangelhafte oder fehlende Stellen ergänzt.
Die bis dato letzte Restaurierung (die auch Gegenstand dieses Schnittberichtes ist) erfolgte in den Jahren 2005/2006 durch die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Erstmals fanden nun auch die originalen deutschen Zwischentitel, größtenteils digital restauriert, ihren Weg zurück in den Film. Verlorene Zwischentitel wurden mit gleicher Typographie wiederhergestellt. Erstmals gibt es nun auch die Einblendungen zu sehen, welche den Beginn und das Ende der einzelnen Akte (fünf an der Zahl) ankündigen.
Besondere Sorgfalt widmete man der optischen Aufbereitung. Als Bearbeitungsgrundlage diente hierbei ein 35 mm-Negativ, das mittels Filmabtastung digitalisiert und in ein Restaurierungsprogramm eingespielt wurde. Anschließend kümmerten sich Techniker in wochenlanger Feinarbeit um die Korrektur von Bildstörungen, Verschleißartefakten sowie Helligkeits- und Dichteflackern. Auch der unruhige Bildstand wurde stabilisiert. Bei der Kolorierung dienten die originalen Viragen der Ur-Fassung als Vorlage. Letztendlich wurde der Film noch auf die damals übliche Originalgeschwindigkeit von 18 Bildern pro Sekunde angepasst, um eine realistische Laufgeschwindigkeit zu erzielen.
| Public Domain | Restaurierte Fassung |
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Viragierungen
Der Farbfilm war in seinen Anfangstagen noch sehr teuer und erlebte erst Mitte der dreißiger Jahre seinen Durchbruch. Folglich waren in der Stummfilmzeit die Möglichkeiten, kostengünstig Farbe ins Spiel zu bringen, arg begrenzt. Eine umständliche und teure Variante war die Kolorierung von Hand, bei der in einem äußerst zeitaufwendigen Vorgang Bild für Bild mit Hilfe von Schablonen eingefärbt werden musste. Deutlich populärer, weil günstig und weniger zeitraubend, war die Viragierung. Hier wurden ganze Szenen mit einer einheitlichen Farbe versehen, was als dramaturgisches Stilmittel völlig ausreichte. Mit der Zeit entwickelte sich ein regelrechter Farbcode, der den Zuschauern dabei half, die jeweilige Stimmung der betreffenden Szene zu "erfassen".
"Nosferatu" lag lange Zeit nur als Schwarzweiß-Kopie vor. Verschiedene Gesichtspunkte ließen jedoch schon damals darauf schließen, dass die ursprüngliche Fassung viragiert war. Da war zum einen der Fakt, dass sich ein Vampir bei strahlendem Sonnenschein nicht unter freiem Himmel bewegen kann. Genau dies musste Graf Orlok jedoch zwangsläufig tun, da die Filmtechnik zur damaligen Zeit nur schwerlich mit nächtlichen Dreharbeiten zurechtkam. In der Schwarzweiß-Fassung entlarvt sich Nosferatu folglich überdeutlich als "Daywalker", was vor allem dahingehend befremdlich wirkt, als dass der Blutsauger zum Ende des Film ja durch die Einwirkung der Sonne zu Staub zerfällt. Eine sichtbare Unterscheidung von Tag- und Nachtszenen wäre also zwingend erforderlich gewesen, um diesen Widerspruch zu eliminieren. Ein weiterer Hinweis auf eine mögliche Viragierung fand sich im 5. Akt des Films. Genau an der Stelle, in der der Wind eine Kerze ausbläst, ließ sich ein Schnitt identifizieren, der darauf hindeutete, dass das Filmmaterial vor und nach dem Cut getrennt voneinander "bearbeitet" wurde (um z.B. mit unterschiedlichen Farbtönen den Übergang vom Licht ins Dunkel darzustellen).
Mitte der achtziger Jahre stieß man dann tatsächlich auf eine viragierte Kopie der ersten französischen Fassung, welche auf demselben Farb-Code beruhte wie die deutsche Version. So konnte endlich nachvollzogen werden, in welchen Farbtönen die einzelnen Szenen koloriert waren. In der hier vorliegenden Restaurierung sind die Nachtszenen türkis-grün eingefärbt, Dämmerung ist pink und für Szenen bei Tageslicht oder in beleuchteten Innenräumen verwendete man einen Gelbton. Lediglich eine Sequenz fällt farblich aus dem Rahmen: Die Szene, in der eine Venusfliegenfalle ihr Opfer umschließt, ist in einem orange-roten Ton gehalten. Fassungen, die auf früheren Restaurierungen beruhen, weisen übrigens partiell abweichende Viragen auf. So sind z.B. auf der UK-DVD von BFI (die auf der 1995er-Restaurierung basiert) bestimmte Nacht-Szenen nicht türkis, sondern blau eingefärbt.
| Tageslicht/Beleuchtete Innenräume | Dämmerung |
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| Nacht | Venusfliegenfallen-Szene |
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Musik
Stummfilme wurden in der Regel immer mit Musikbegleitung aufgeführt. Mangels entsprechender Technik sorgten damals noch live spielende Tonkünstler für den passenden Wohlklang, wobei man sich anfangs noch mit simplen Klavierimprovisationen oder Versatzstücken aus Opern begnügte. In den zwanziger Jahren erlangten eigens komponierte Filmpartituren zunehmend an Bedeutung. Neben der Film-Kopie musste der Distributor den Kinobetreibern dann auch die entsprechenden Noten-Blätter an die Hand geben. Viele dieser Musiken gingen im Laufe der Jahrzehnte verschütt oder schlummern immer noch unentdeckt in verstaubten Archiven.
Auch die originale, von Hans Erdmann komponierte Nosferatu-Filmmusik, galt lange als verschollen. Diesem Umstand ist es mitunter geschuldet, dass die zahlreichen Nosferatu-Veröffentlichungen der letzten Jahre unterschiedlichste Musikfassungen beinhalten (u.a. sogar einen Gothic Industrial Mix). Als besonders gelungen sind die orchestralen Arrangements des englischen Komponisten James Bernard zu bezeichnen, der zu zahlreichen Hammer-Horrorstreifen die Filmmusik beisteuerte (zu finden auf der UK-DVD von BFI). Die aktuelle Restauration durch die Friedrich Wilhelm Murnau Stiftung bietet diesbezüglich ein besonderes Schmankerl, enthält sie doch erstmals die
Originalmusik von 1922. Zu verdanken ist dies dem Komponisten und Dirigenten Berndt Heller, der das Werk mittels zweier auf der Nosferatu-Musik basierenden Suiten und mit Hilfe von Aufzeichnungen Erdmanns im "Allgemeinen Handbuch der Filmmusik", rekonstruierte. Es sei jedoch erwähnt, dass Berndt Heller hier keineswegs Pionierarbeit geleistet hat. Bereits Mitte der neunziger Jahre konnte die Dirigentin und Musikwissenschaftlerin Gillian B. Anderson der Öffentlichkeit eine vollständig rekonstruierte Fassung des Nosferatu-Scores präsentieren (erschien auch auf
Audio-CD), welche allerdings nie Teil eines Film-Release wurde, sondern bis heute ausschließlich live dargeboten wird.
Zum besseren Verständnis: Die zwei o.g. Nosferatu-Suiten umfassen insgesamt zehn Einzelstücke mit einer Gesamtspieldauer von 40 Minuten. Wegen der deutlich längeren Laufzeit des Filmes mussten also zwangsläufig bestimmte, unter Umständen abgewandelte Versatzstücke wiederholt werden (etwa zur leitmotivischen Begleitung der Hauptcharaktere). Vereinfacht ausgedrückt bestand die große Kunst nun darin, aus dem vorhandenen Material eine abendfüllende Musikbegleitung zu schaffen, die möglichst nahe an Erdmanns Original heranreichte. Wertvolle Anhaltspunkte lieferten hierbei diverse Aufzeichnungen Erdmanns (u.a. im o.g. "Allgemeinen Handbuch der Filmmusik"), wobei jedoch nur für einen Bruchteil des Filmes klare Anweisungen vorlagen (z.B. über die musikalische Begleitung des letzten Aktes). Der große Rest konnte nur auf Basis "fundierter Vermutungen" rekonstruiert werden, was auch die Divergenzen zwischen Andersons und Hellers Score erklärt. Eine Wertung soll an dieser Stelle zwar nicht erfolgen, die ein oder andere Entscheidung Hellers darf jedoch durchaus hinterfragt werden. Bei manchen Szenen wirkt Hellers Musikwahl nämlich recht deplatziert - vor allem, wenn man zum Vergleich Andersons Rekonstruktion heranzieht. Bestes Beispiel ist die berühmte Schlüsselszene, in der Nosferatu des Nächtens Hutters Zimmer heimsucht. Man vergleiche die
Begleitung Hellers (ab Minute 1:20) mit dem musischen Part, den Anderson an
exakt der selben Stelle vorsah (ein findiger Fan hat hier zu Demonstrationszwecken einen Teil der Public Domain-Fassung passgenau mit Andersons Score hinterlegt).
Zwischentitel
Zwischentitel sind Texttafeln, die in Stummfilmen durch die Handlung führen. Mangels Ton konnten den Zuschauern auf diese Weise Dialoge, Erklärungen o.ä. vermittelt werden. Zwischentitel dienten jedoch nicht nur der reinen Information, sondern konnten bei entsprechender Gestaltung auch unter dramaturgischen Gesichtspunkten äußerst hilfreich sein. Bestes Beispiel sind die in der Nosferatu-Ursprungsfassung zum Einsatz kommenden Zwischentitel, die im Zuge der aktuellen Restaurierung reintegriert wurden (fehlende Zwischentitel wurden in der Original-Typografie wiederhergestellt und mit F.W.M.S. gekennzeichnet). Hier fällt auf, dass meist keine schnöden Texttafeln zum Einsatz kamen (nur bei Dialogen), sondern überwiegend Ausschnitte aus Zeitungen, Briefen oder (Tage-)Büchern. Dies erhöht nicht nur die Glaubwürdigkeit der Geschehnisse, sondern lässt den Zuschauer auch tiefer in das Geschehen eintauchen. Diese gestalterischen Aspekte wurden bei der Vorführung von Stummfilmen nach dem 2. Weltkrieg oft vernachlässigt. So wurden Zwischentitel bei der Übersetzung in die jeweilige Landessprache oft durch neue, eher lieblos gestaltete Pendants ersetzt. Klar wird dies auch im direkten Vergleich zwischen der Public Domain- und der restaurierten Fassung:
Dialog
Überleitung
Buch
Tagebuch
Brief
Logbuch
Bekanntmachung
Zeitung
Namen
Die Orts- und Personennamen der restaurierten Fassung unterscheiden sich völlig von denen der Public Domain-Version, wobei die in der restaurierten Fassung verwendeten Bezeichnungen denen der Original-Kopie entsprechen (siehe Erläuterungen zum Urheberrechtsstreit). Die Unterschiede sind durch den Umstand begründet, dass 1947, als der Film von Frankreich nach Amerika gelangte, die Original-Namen durch die Namen aus Bram Stokers "Dracula" ersetzt wurden. Diese Änderungen wurden beibehalten, als der Steifen später wieder seinen Weg nach Europa fand.
| | Public Domain | Restaurierte Fassung |
| Handlungsort: | Bremen | Wisborg |
| Nosferatu: | Count Dracula | Graf Orlok |
| Häusermakler: | Renfield | Knock |
| Angestellter des Häusermaklers: | Jonathan Harker | Hutter |
| Ehefrau des Häusermaklers: | Nina Harker | Ellen Hutter |
| Reeder: | Westenra | Harding |
| Schwester bzw. Ehefrau des Reeders: | Lucy Westenra (Schwester) | Ruth Harding (Ehefrau) |
| Stadtarzt: | The Professor | Professor Sievers |
| Professor: | Professor | Professor Bulwer |
| Wer sich intensiver mit dem Film befassen möchte, sollte unbedingt das "Dokument des Grauens" zu Rate ziehen, welches dem Autor unter anderem als Quelle diente. Es handelt sich hierbei um eine umfangreiche, über 800 Seiten umfassende Chronik des klassischen Horrorfilms, die der Autor Ralf Ramge interessierten Lesern kostenlos zum Download bereitstellt. | |